And the beat goes on…

Eines unsere Lieblingsthemen ist und bleibt die Musikindustrie. Von Tipps zur fachmännischen Raubkopiererbekämpfung bis zur Frage, warum illegale Downloads eigentlich schädlich sind und mögliche Strategien gegen den Umsatzeinbruch, haben wir kaum eine Möglichkeit ausgelassen unsere Meinung über die Musikindustrie kundzutun. Doch im Angesicht des drohenden Niedergangs des traditionsreichen Plattenlabels EMI wollen auch wir kurz innehalten und anerkennen statt spotten: Laut Handelsblatt bestehen „erhebliche Zweifel“ an dem Fortbestand des einstigen Vorzeigeschülers.

Bittersweet Symphony

Warum mich die mögliche Pleite (noch ist es ja nicht soweit) von EMI traurig stimmt, hat dabei jedoch vielmehr melancholische Gründe. In einer Zeit, in der nicht jeder erdenkliche Song in Sekundenschnelle auf YouTube aufgerufen werden konnte, in der es nicht möglich war, über Last.fm, HypeMachine, Deezer und MySpace Musik zu entdecken, in  der man keine 10.000 Songs in seiner Hosentasche mit sich tragen konnte, das waren die Zeiten von Unternehmen wie EMI. In dieser Zeit waren Unternehmen wie EMI erfolgreich. Aber nicht nur das, sie brachten Musik zu den Menschen. EMI suchte Talente, EMI investierte in Talente, EMI machte junge Musiker weltweit bekannt und erfolgreich. Auch wenn der eigentliche Erfolg eher auf die Künstler an sich zurückzuführen ist, waren es doch die Labels, die aus ihnen machten, was sie jetzt sind. Nur die wenigsten jungen Bands hätten wohl das Geld zur Produktion und zur Vermarktung eines Vinly-Albums oder einer CD aufbringen können.

Von den Beatles und den Rolling Stones über Frank Sinatra,  Robbie Williams, den Sex Pistols, den Ramones, Blur, bis hin zu Lilly Alen, Iggy Pop, Coldplay und noch viele  unzählige andere standen oder stehen bei EMI unter Vertrag. Namen wie Abbey Road oder Motown stehen in direkter Verbindung mit EMI – Thank you for the music!!

Is this the end of the world as we know it?

Wohl eher nicht! Während ich diesen Artikel schreibe, kann ich ganz nebenbei alte Klassiker (von EMI oder anderen) oder brandneue und unbekannte Songs anhören und bei Bedarf herunterladen. Ich habe Zugriff auf eine Musiksammlung, die seinesgleichen sucht. Dabei bin ich eben nicht mehr darauf angewiesen, dass Künstler von Plattenlabels entdeckt werden und diese zufällig auch noch in ihr aktuelles Portfolio passen. Vielmehr kann ich junge und innovative Künstler entdecken und schenke dabei z.B. dem „Zugpferd“ von EMI, Robbie Williams, tatsächlich nur wenig Beachtung. Ich werde mir vermutlich auch die aktuelle CD nicht kaufen. Wozu auch!? Ich kann die Musik hören, die ich hören möchte. Ich kann sie hören, lieben, meinen Freunden schicken und das alles ohne EMI. Alles über das Internet. Manchmal gebe ich dafür sogar Geld aus: Kaufe mir die MP3s oder gehe auf ein Konzert. Wahrscheinlich aber nicht zu Robbie Williams.

Die mögliche Pleite von EMI, die Probleme der Plattenindustrie, illegale Downloads.  All das scheint der Musik an sich nur wenig auszumachen. Im Gegenteil! Der Musikkonsum in Minuten stieg rasant an. Die gefühlte Vielfalt an neuen Bands, Sängern und DJs, die sich auf Portalen wie MySpace präsentieren ist schier unüberschaubar. Thank you for the music!!!

We’ve got the vision, now let’s have some fun

Bei allen diesen Veränderungen und Entwicklungen klingt das Klagen der Musikindustrie wie Hohn in meinen Ohren. Abgesehen davon, dass Produktions- und Distributionskosten um ein Vielfaches gefallen sind, sind es vor allem die Potentiale und Möglichkeiten der Musikindustrie, die eigentlich eine glanzvolle Zukunft versprechen sollten.

Einer der größten Vorteile ist meiner Meinung nach die Erreichbarkeit der Konsumenten. Streaming oder Downloadportale bieten der Musikindustrie eine Plattform, um neue Künstler kostengünstig und gezielt an den Zielgruppen zu testen. Es sind keine aufwendigen weltweiten Marketingkampagnen nötig, bei der Unmengen an Tonträger vorab produziert werden müssen, ohne dass es eine Erfolgsgarantie geben würde.

Hat sich eine Band als erfolgreich erwiesen, können die Künstler ganzheitlich mit sog. 360-Grad-Verträgen vermarktet werden. Für Liebhaber und Sammler können hochwertige CDs oder LPs produziert werden. Und das Beste dabei: Durch Klicks auf Videos oder Freundesanfragen an Bands auf MySpace, Fanpages auf Facebook oder Empfehlungen bei Last.fm zeigen Konsumenten der Musikindustrie freiwillig (d.h. ohne aufwendige Marktumfragen), welche Musik gerade angesagt ist.

Nicht die Musik hat sich also verändert, sondern die Art, wie Musik konsumiert, produziert und vertrieben wird hat sich verändert. Was bedeutet das für die Musikbranche? Mit den Worten der EMI-Band Ramones: „Hey Ho! Let’s GO!!“.

Abspannmusik: Rage Against the Machine – Wake Up

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1 Kommentar

  1. Mich wundert es immer wieder aufs Neue, warum außgerechnet die großen Spieler dermaßen stur auf Besitzstandswahrung und Schutz des alten Vetriebesweges beharren. Ist den noch nicht durchgedrungen, dass jegliche technische Barriere immer wieder überwunden wird – und das auch in kurzen Zeitabständen? Hat man den aus den anderen Medienbereichen nichts gelernt (Stichwort: Einführung der Videokassetten)?

    Aus wettbewerblicher Sicht ist diese Entwicklung doch auch sehr spannend: Durch die Digitalisierung sind auch IKT-Unternehmen in der Lage voll einzusteigen. Dass eine technische Neuerung es erreicht, dass ein zuvor nicht als potentieller Konkurrent erachter Industriezweig plötzlich mitten drin im Musikvetriebskampf ist, finde ich sensationell. Oder die Tatsache, dass ein Mittelsmann von nun an auch überflüssig werden kann (z.B. Vertrieb über die eigene Bandhomepage). Sowas spart eine Menge Geld, Zeit und Materialkosten.

    Es sollte doch eigentlich den Musiklabels peinlich sein, dass Apple der erste vernünftige Anbieter von Musik über das Internet ist.

    Eine Produktdifferenzierung und Umgewichtung des angestrebten Erlöskuchens (weg von CD/Albenverkäufen hin zu T-Shirts, Tassen und Tourneen) erscheint mir wesentlich sinnvoller.
    Wie schon von Herrn Dewenter im vorherigen Artikel beschrieben: Reines Musikstück (MP3) für kleines Geld, DVD-Box mit netten Gimmicks für etwas mehr.
    Oder vielleicht wäre auch das Schaffen neuer technischer Standards (quasi eine besser MP3-Datei)ein möglicher Weg, um wettbewerblich erfolgreicher zu werden und Kunden zu gewinnen. Gut, die Diffusion des Wissens geschieht zwar ziemlich schnell, aber trotzdem sollte man lieber aktiv steuern, statt nur zuzuschauen und zu prozessieren.

    Nebenbei bemerkt: Auch die Zeitschriften- und Bücherverlage werden noch die Digitalisierung zu spüren bekommen -und zwar nicht nur die normalen Zeitungen.
    Man denke an Comics oder Krimis, welche eingescannt im Netz angeboten und heruntergeladen werden.
    Das müsste doch eigentlich auch mal erforscht werden.

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