Sommerrückblick III

Kaum ein anderes Dienstleistungsunternehmen der Welt hat während der M-Blog Sommerpause für Aufsehen gesorgt wie Google. Es steht nun fest, Googles virtueller Straßenfotodienst Google Street View wird nun auch in Deutschland in Betrieb genommen. Noch innerhalb dieses Jahres sollen Panoramabilder von Straßen der 20 größten Städte Deutschlands online gestellt werden.

Doch keine Angst, Sie werden nicht dauerhaft beobachtet, es werden keine Live-Bilder Ihrer Straße ins Internet gestellt, es findet kein nationales „Big Brother“ statt. Die zu sehenden Bilder sind Aufnahmen, die der Internetkonzern bereits im Laufe des Jahres 2008 gemacht hat. Überkommt Sie trotz dessen (wie hunderttausenden Mitbürgern) ein ungutes Gefühl, räumt Google richtigerweise die Möglichkeit ein, der Veröffentlichung Ihrer Hausfassade zu widersprechen. Daraufhin wird die betreffende Hausfassade mit Hilfe eines Weichzeichners unkenntlich gemacht, ähnlich der Technik bei Gesichtern und Autokennzeichen.

Doch warum sorgt Google mit Street View eigentlich für so viel Aufsehen? Augenscheinlich gibt es zwei Gründe, weshalb Google Street View in der Öffentlichkeit hierzulande nicht wie in vielen anderen Ländern (z.B. Schweden) begrüßt, sondern eher verflucht wird.

Einer der Gründe für die Skepsis der Bundesbürger ist vermutlich in der fast durchweg negativen Berichterstattung der deutschen Medien zu sehen, für die Street View womöglich ein gefundenes Fressen während des Sommerlochs war. Auch ist Street View einer andauernden öffentlichen Kritik einer sich profilierenden Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner ausgesetzt. „Google is watching you“ heißt es beispielsweise reißerisch in einem Kommentar auf sueddeutsche.de, „Google Street View schnüffelte Privat-Daten aus” titelt bild.de in gewohnter Manier, im Spiegel-Interview appelliert die Verbraucherschutzministerin an die Bürger, der Veröffentlichung ihrer Hausfassade zu widersprechen. Kaum ein anderes Unternehmen, das gute innovative Ideen hat, seine Produkte entgeltlos anbietet und die vorhandenen Netzwerkeffekte effizient und gewinnbringend ausnutzt, wird von Seiten der Presse und Politik so scharf kritisiert wie Google.

Das Hauptargument contra Google Street View ist, dass das Fotografieren und Veröffentlichen der Häuserfassaden einen Eingriff in die Privatsphäre darstellt. Warum? Weil jemand etwas auf einem Bildschirm sehen kann, was ohnehin öffentlich zugänglich ist? Street View zeigt genau keine Privatsphäre, sondern Öffentlichkeit. Ein Anstieg der Kriminalität wird vorausgesagt, wenn Google Street View startet. Denn Einbrechern und Terroristen soll das Leben durch Street View leicht gemacht werden, wenn sie heimlich am Computer das Objekt der Begierde ausspionieren können. Doch wie viele Einbrecher planen überhaupt detailliert einen Einbruch und wie viele Einbrüche werden „spontan“ begangen? Für Spontantäter sollte Street View keine Hilfe sein. Auch für detailliert geplante Einbrüche mag Street View nur eine geringe Hilfe sein. Zum einen kann sich ein Krimineller nicht darauf verlassen, dass er das Objekt der Begierde wie bei Street View abgebildet vorfindet, denn die Bilder sind bereits bei Inbetriebnahme von Street View in Deutschland mehrere Jahre alt. Zum anderen hilft Street View einem Einbrecher längst nicht bei der Beantwortung der Frage, ob überhaupt jemand zu Hause ist. Hierbei hilft der Bürger selbst möglicherweise durch „zu aktive“ Teilnahme an Social Networks am meißten, wie jüngst Spiegel online berichtet. Meines Wissens ist nicht belegt, dass mehr Einbrüche bei aktiven Social-Network Nutzern stattfinden, Google Street View aber eine solche Wirkung nachzusagen ist ebenso hanebüchen. Selbstverständlich sollte aber Bürgern, bei denen aus den verschiedensten Gründen ein unbehagliches Gefühl bei Street View aufkommt, die Möglichkeit gegeben werden, der Veröffentlichung zu widersprechen. Eine generelle Ablehnung bzw. ein vollkommenes Verbot des Dienstes, wie es vor Monaten oder aber auch noch teilweise aktuell diskutiert wird, scheint überzogen.

Ein weiterer Grund für die Skepsis vieler Bürger scheint Googles teils  nicht optimales Verhalten rund um seinen Dienst Street View zu sein. Angefangen bei einer „WLAN-Panne“, bei der anscheinend versehentlich nicht nur Fotos der Straßenzüge gemacht wurden, sondern auch persönliche Daten aus WLAN-Netzwerken gesammelt wurden. Sollten hier wie vermutet Informationen über Websites, E-Mails und Passwörter gesammelt worden sein, stellt dies wohl tatsächlich einen Eingriff in die Privatsphäre dar. Weiter zur anfänglich geplanten Widerspruchsfrist von nur vier Wochen. Für skeptische Bürger, die bis zum Ablauf der Frist möglicherweise im Urlaub sind, sich zunächst mit Street View vertraut machen möchten etc. ist dies viel zu kurz. Eine Verlängerung der Widerspruchsfrist auf acht Wochen bis zum 15. Oktober 2010 war notwendig, um dem Bürger eine angemessene Bedenkzeit zu ermöglichen. Auch ist ein alles andere als optimaler Umgang seitens Google mit außergewöhnlichen Aufnahmen zu beobachten. Dass bei Millionen von fotografierten Straßenkilometern manch Kuriositäten und peinliche Momente zu beobachten sind, ist unvermeidbar. Diesen Kuriositäten und peinlichen Momenten hat Google zunächst nur wenig Beachtung gewidmet und nicht aus dem Netz genommen bzw. erst dann durch andere Aufnahmen ersetzt, wenn Screenshots davon bereits in diversen Foren und zahlreichen Hitlisten kursierten. Kaum jemand möchte gerne in einer peinlichen Situation im Internet zu sehen sein. Wäre dem Bürger die Angst davor aber durch ein besseres Qualitätsmanagement der Bilder genommen worden, wäre die Skepsis gegenüber Street View sicherlich geringer.

Trotz aller negativen Aspekte sollten meiner Einschätzung nach die Vorteile, die Street View mit sich bringt stärker gewichtet werden. So wie ich nutzen bereits vor Einführung in Deutschland sehr viele Deutsche Street View. Circa eine Million Aufrufe aus Deutschland werden pro Tag gezählt, obwohl der Dienst noch nicht einmal gestartet ist. So wie einige von ihnen war ich noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii, ging nie durch San Francisco. Das alles und noch viel mehr ist nun möglich, zumindest virtuell.

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Thomas Jaschinski
Thomas Jaschinski
Dipl.-Ökonom Thomas Jaschinski Technische Universität Ilmenau Institut für Volkswirtschaftslehre Fachgebiet Wirtschaftstheorie Ernst-Abbe-Zentrum Ehrenbergstraße 29 98693 Ilmenau Zi. 2232 Postfach 10 05 65 98684 Ilmenau Tel.: +49 3677 69 4070 Fax: +49 3677 69 4203 E-Mail: thomas.jaschinski@tu-ilmenau.de Sprechzeit: Dienstag, 14.00 - 15.00 Uhr - und nach persönlicher Absprache Wissenschaftlicher Werdegang * Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Wirtschaftstheorie Forschungsschwerpunkt * Medienökonomie

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