Überschüsse der Krankenkassen: Regierung und Medien ziehen voreilige Schlüsse

„Milliardeneinsparungen durch weniger Ausgaben für Arzneimittel“ war eine häufige Meldung der vergangenen Tage. Zunächst verkündeten die gesetzlichen Krankenkassen Anfang September einen Milliardenüberschuss für das erste Halbjahr 2011; dann legte Mitte September das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) seinen jährlichen Arzneiverordnungs-Report 2011 vor. Was der Grund ist, darin waren sich alle einig – das Bundesministerium für Gesundheit, das WIdO und die Zeitungen (FAZ, ZEIT und Handelsblatt): Die Kostensenkungen und Milliardenüberschüsse der gesetzlichen Krankenkassen seien ein Erfolg der letzten Gesundheitsreform (auch bekannt unter dem Namen „GKV-Änderungs-Gesetz“). Diese Reform zwingt die Hersteller von patentgeschützten Arzneimitteln, den Kassen einen Abschlag von 16 Prozent zu gewähren (statt bisher 6 Prozent) und führte einen Preisstopp für Medikamente ein, die nicht in einer sogenannten Festbetragsgruppe eingeordnet sind („Preismoratorium“).

Doch war die Reform wirklich der alleinige Grund für die Einsparungen? Bei genauerem Betrachten ist der kausale Zusammenhang zwischen „GKV-Änderungs-Gesetz“ und Arzneimittelkosten keinesfalls offensichtlich, da die Reform in ein umfangreiches Regulierungssystem von Arzneimitteln eingebunden ist. Außerdem sind die Preisabschläge nicht bei allen Medikamenten-Gruppen erhöht worden: Bei nicht mehr patentgeschützten Arzneien (den sogenannten Generika) muss der Preis nur um zehn Prozent reduziert werden, und bei zuzahlungsbefreiten Pillen aus den Festbetragsgruppen gibt es überhaupt keine Abschläge. In diesem Zusammenhang kausale Rückschlüsse aus einer rein deskriptiven Beobachtung zu ziehen, wird der Komplexität der Preis- und Mengenallokation nicht gerecht. Darüber hinaus stellt sich heraus, dass die Ausgaben für patentgeschützte Arzneien im letzten Jahr sogar um satte 7,5 Prozent stiegen, wie der Arzneiverordnungsreport 2011 zeigt – und das trotz des höheren Herstellerabschlags von 16 Prozent!

Wo werden also wirklich die Milliarden im Arzneimittelmarkt eingespart? Für den Generikamarkt listet das WIdO weitere ausgabensenkende Regulierungen aus den vergangenen Jahren auf: Etwa die Rabattverträge zwischen Herstellern und gesetzlichen Krankenkassen, oder das System der Festbeträge und Import- und Generikaquoten. Außerdem haben die Krankenkassen zurzeit auch schlichtweg höhere Einnahmen wegen der (noch) gut laufenden Konjunktur. Es ist also vollkommen unklar, welche der vorherigen Regulierungsmaßnahmen in welcher Höhe zur Ausgabensenkung beigetragen hat. Konkret: Ob die Reform der aktuellen Regierung oder eine der vielen Reformen der Vorgängerregierungen für die Erfolge verantwortlich sind, ist völlig unbewiesen.

Zu den sinkenden Arzneimittelumsätzen dürften in Wirklichkeit zahlreiche Regulierungen im Generikamarkt beigetragen haben, unter anderem die regelmäßige Neufestlegung und Anpassung von Festbeträgen, die Definition von Zuzahlungsbefreiungen, die neu festgelegten und erweiterten Rabattverträge und natürlich auch die Herstellerabschläge. Weitere entscheidende Einflussfaktoren sind strukturelle Änderungen wie das Verordnungsverhalten der Ärzte (beispielsweise durch Richtgrößenvolumen), Abgabezwang und Generikasubstitution durch die Apotheke, Zuzahlungen zu Arzneimitteln oder auch demografische Änderungen. Die Quantifizierung und Kausalität des Einflusses einzelner Reformen auf die Ausgaben für Arzneimittel ist daher, wenn überhaupt, nur mit empirischen Schätzverfahren möglich.

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2 Kommentare

  1. Ein hilfreicher Artikel, der endlich einmal die verwobenen Einflüsse auf dem Arzneimittelmarkt deutlich macht.
    Danke.
    Gerne mehr davon.

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