Ökonomie und der Abgrund der Welt

„Educate. Inspire. Connect.“  So lautete das Motto des diesjährigen Nobelpreisträger-Treffens in Lindau am Bodensee. „Shame on you, nobel economic scientists – bringing the world down with your neo-liberal theories“ war dagegen das Motto der Globalisierungsgegner von Attac, die vor der Halle demonstrierten. Gut, damit musste man rechnen, derzeit scheint es um die Außenwirkung der Ökonomenzunft nicht besonders gut gestellt. Für mich blieb aber noch die Frage offen, was „neo-liberal“ denn überhaupt bedeutet – eine Frage, für die die Konferenz eine Antwort hätte finden können, es waren ja 17 Träger des „Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel“ , also des Nobelpreises, und 359 Nachwuchswissenschaftler aus 65 Ländern vor Ort.

In den einzelnen Vorträgen der Laudatoren und anschließenden Diskussion zeigte sich jedoch schnell, dass es darauf wohl keine klare Antwort geben würde. Edward C. Prescott begann seinen Vortrag mit den Worten „This is a golden age for aggregate economics“, womit er die Zukunftsaussichten der Makroökonomie meinte. Auf diesem Gebiet sei schon viel erforscht worden, und es gäbe noch so viel zu erforschen.

Weniger zufrieden war Joseph E. Stiglitz, der gleich darauf einen Frontalangriff auf die makroökonomische Zunft begann. Ihre Modelle seinen fern ab jeglicher Realität, kritisierte er. In vielen Finanzmarktmodellen gebe es noch nicht einmal Banken – und so sei es zwangsläufig schwer, die Rolle von Banken in der Finanzkrise vorherzusagen. Es brauche in der Makroökonomie viel mehr mikroökonomische Modelle, forderte Stiglitz. Übersetzt hieß das, dass man – um das Große und Ganze dieser Welt verstehen zu können -, erst einmal das Handeln der einzelnen Akteure besser verstehen müsse.

Aber ich musste feststellen, dass es auch in der Mikroökonomie genug Streit gibt. Wir Mikroökonomen hantieren ja seit jeher mit Nutzenfunktionen von Konsumenten in verschiedensten Situationen und suchen nach einer optimalen Lösung insbesondere für das Wohl des Konsumenten. Doch Reinhard Selten, der einzige deutsche Preisträger und selbst Mikroforscher, begann seine Rede mit dem Worten, dass es so etwas wie Nutzenfunktionen gar nicht gebe. Also optimieren Mikroökonomen seit je her Dinge, die es gar nicht gibt.

All dieses fördert auf den ersten Blick wohl nicht gerade die öffentliche Wahrnehmung der ökonomischen Theorien, wahrscheinlich sind für Attac auch alle diese Theorien gleich neo-liberal. Aber es zeigt umgekehrt auch, dass die Ökonomie ein spannendes Forschungsfeld ist, bei dem es vielleicht auch nicht immer eine richtige und falsche Antwort gibt. Trotz aller Kontroversen gab es auch Konsens – nämlich in der Auffassung, dass man den einzelnen Menschen und dessen Handeln besser in alle Theorien und Modelle einbeziehen muss.

Dieses trägt am Ende vielleicht auch dazu bei, den einzelnen Menschen vor der Konferenzhalle zu erklären, warum die Ökonomie die Welt nicht unbedingt an den Abgrund führt.

 

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