Replik auf den FAZ-Artikel von Christian Ewald und Sandro Gleave

In einem Gastbeitrag für die FAZ haben Luis Manuel Schultz und ich im August die faszinierenden Möglichkeiten der forensischen Kartellforschung vorgestellt: Einerseits zeigen wir darin, wie Wettbewerbshüter illegale Preisabsprachen (also Kartelle) aufspüren können, indem sie die Preisentwicklungen auf Märkten statistisch auf verdächtige Entwicklungen hin analysieren. Und andererseits kritisieren wir darin die „Sektoranalyse Kraftstoffe“ des Bundeskartellamtes – einige Schlussfolgerungen darin waren uns schlichtweg zu wenig wissenschaftlich fundiert.

Christian Ewald und Sandro Gleave vom Bundeskartellamt haben nun gestern in der FAZ eine Replik veröffentlicht, in der sie die Grenzen der forensischen Kartellforschung aufzeigen. Mit vielem darin haben sie natürlich recht, dennoch möchten wir an dieser Stelle erneut antworten: Einerseits, weil unsere Argumentation teilweise falsch wiedergegeben wird, und andererseits, weil wissenschaftlich falsche Aussagen gemacht werden.

1.
Ewald und Gleave behaupten, wir kämen „zu dem Schluss, dass die vom Bundeskartellamt erhobenen Daten `im Lichte der empirischen Kartellforschung zunächst nur schwer als Indiz für mangelnden Wettbewerb herangezogen werden‘ können.“ Das stimmt so nicht, wir haben folgendes geschrieben: „Auch dass Preiserhöhungen deutlich seltener vorkommen als Preissenkungen, kann im Lichte der empirischen Kartellforschung zunächst nur schwer als Indiz für mangelnden Wettbewerb herangezogen werden.“ Es geht nicht um die erhobenen Daten, sondern um die Interpretation derselben. Die Interpretation des Kartellamtes ist einfach zu simpel. Mit den vom Bundeskartellamt erhobenen Daten hätte sich durchaus analysieren lassen (ähnlich wie das in Kanada geschehen ist), wovon die Wettbewerbsintensität auf lokalen oder regionalen Tankstellenmärkten abhängt. Ob dies geschehen ist, wissen wir nicht – es wurde zumindest nicht publiziert.

2.
Ewald und Gleave schreiben auch: „Zwar können in bestimmten Märkten die Anzahl von Preisänderungen und die relative Anzahl von Preiserhöhungen und Senkungen geeignete Indikatoren sein, um die Existenz von Wettbewerb zu belegen. Dies gilt aber keineswegs für sämtliche Märkte. Insbesondere in Märkten mit stark zyklischen Preisbewegungen liefert dieser Indikator systematisch falsche Hinweise.“

Diese Aussage ist ganz eindeutig falsch. Der Indikator mag im Einzelfall falsche Hinweise liefern, keineswegs aber systematisch. Ganz im Gegenteil: Wie wir in unserem Beitrag ausführen, hat der amerikanische Ökonom Michael Noel in einer Vergleichsstudie von Benzinpreisen an Tankstellen in 19 kanadischen Städten über elf Jahre herausbekommen, „dass Preisänderungen allgemein häufiger sind, je intensiver der Wettbewerb unter den Tankstellen ist, zum Beispiel weil es mehr verschiedene Ketten gibt oder mehr unabhängige Tankstellen, die eine aggressive Preisstrategie fahren. Häufige Preisänderungen sind demzufolge eher ein Zeichen dafür, dass eine Kartellvereinbarung oder stillschweigende Übereinkünfte nicht funktionieren.“ Als weiteren Beleg haben wir die detaillierte Studie des italienischen Tankstellenmarktes zitiert.

Die Behauptung, dass die Häufigkeit von Preisänderungen systematisch falsche Belege liefere, entbehrt jeder Grundlage. Es ist ein reiner Glaubenssatz, der nicht durch Fakten gestützt wird.

3.
Auch die Feststellung, dass zyklische Preissetzungsmuster auf ein quasi-kollusives Parallelverhalten im Sinne kollektiver Marktbeherrschung hindeuten, kann nicht einfach so stehen bleiben. Allein die Tatsache, dass es zyklische Preissetzungsmuster gibt, sagt noch relativ wenig über die Wettbewerbsintensität. Hier kann in der Tat quasi-kollusives Parallelverhalten vorliegen oder aber auch wirksamer Wettbewerb. Es kommt hier auf den Vergleich kompetitiver Märkte mit weniger kompetitiven Märkten an, genauso wie Noel das für Kanada gemacht hat. Leider findet sich im Untersuchungsbericht des Kartellamtes keine Information darüber, wie sich Unternehmen 6, 7 und 8 oder die freien Tankstellen verhalten. Wie belegt das Kartellamt, dass diese „außerhalb des 5er-Oligopols“ sind und sich spürbar anders verhalten? Gibt es einen signifikanten Unterschied?

Jeder von uns hat sicher das Gefühl, dass sich die Wettbewerbsintensität im Tankstellenmarkt steigern ließe. Gefühle sollten aber nicht die Wettbewerbspolitik leiten, sondern eine möglichst nüchterne und unvoreingenommene Betrachtungsweise. Auch wenn einem manche Befunde nicht passen mögen (wie eben, dass die Anzahl der Preisänderungen stark angestiegen ist), sollte man der Versuchung widerstehen, jedweden Befund, egal welcher Natur, als Beleg für seinen Verdacht zu sehen. Was wäre, wenn die Anzahl der Preisänderungen in den letzten Jahren stark abgenommen hätte? Hätte das Bundeskartellamt diesen gegenteiligen Befund dann als den Kartellverdacht entkräftenden Beleg interpretiert? Wir glauben kaum, denn es wäre auch nicht richtig gewesen. Dann aber kann nicht auch der umgekehrte Befund als den Verdacht erhärtender Beleg interpretiert werden. Ansonsten wären wir bei der spanischen Inquisition.

4.
Dies alles soll keineswegs heißen, dass auf dem Tankstellenmarkt in Deutschland alles in Ordnung wäre. So deutet der Befund, dass immer dieselben beiden Ketten (Shell und Aral) die Preiserhöhungsrunden einläuten, in der Tat eher auf quasi-kollusives Verhalten hin als auf wirksamen Wettbewerb. Dies bedeutet jedoch wiederum nicht, dass jedwedes Verhalten am deutschen Tankstellenmarkt automatisch als Beleg für quasi-kollusives Verhalten gewertet werden kann.

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Justus Haucap
Justus Haucap
Justus Haucap ist Vorsitzender der Monopolkommission und Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Justus Haucap ist außerdem Inhaber des Lehrstuhs für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wettbewerbstheorie und -politik an der Universität Düsseldorf.

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