Kabelsalat oder Freie Leitung?

Wer Kunde des Pay-TV-Senders SKY ist und seinen Kabelanschluss bei  Kabel BW hat, dem könnte in naher Zukunft das Popcorn im Hals stecken bleiben. Denn vielleicht wird er die neuesten Kinofilme nur noch in schnöder Standardauflösung anschauen können, statt im qualitativ hochwertigeren HD-TV.

 In seiner Entscheidung vom 15.12.2011 hat das Bundeskartellamt[1] den Zusammenschluss von Unitymedia und Kabel BW freigegeben. Der Zusammenschluss dieser beiden Kabelanbieter fällt aufgrund der hohen Inlandsumsätze unter die Kontrolle gemäß dem GWB. Dafür sind im Gegenzug etwaige Zugeständnisse gemacht worden, wie etwa Sonderkündigungsrechte, die Beendigung der Verschlüsselung digitaler, frei empfänglicher Fernsehkanäle und der sogenannten Exklusivitätsklausel.  Trotz dieser Zugeständnisse erscheint die Entscheidung doch etwas seltsam.

Wozu Wettbewerb, wenn es auch mit Kollusion geht

 Im Jahr 2010 besaßen Unitymedia und Kabel BW durchschnittlich einen gemeinsamen Marktanteil von 30% im sogenannten Gestattungsmarkt[2]. Kabel Deutschland, der größte Konkurrent und Marktführer, hat einen durchschnittlichen Anteil von 40%. Die wettbewerbliche Beurteilung durch das Kartellamt zeigt, dass eine Zunahme der marktbeherrschenden Stellung auf dem Gestattungsmarkt zu erwarten ist. „ Zwischen ihnen [den Kabelanbietern, Anm. d. Verf.] besteht tatsächlich kein Binnenwettbewerb, und sie sind auch keinem wesentlichen Außenwettbewerb durch Dritte ausgesetzt.“ (vgl. BKartellA, 2011, S.28) Zudem erwecken einigeMarktstrukturelemente, wie etwa Symmetrie in Kostenstrukturen, Technologie, angebotene Produkte sowie die hohen Marktzutrittsbarrieren, den Eindruck, kollusionsfördernd zu sein. Dazu passt, dass das Bundeskartellamt sowohl keinen Wettbewerb zwischen den drei Kabelanbietern in den jeweiligen Stammregionen als auch zwischen den drei großen und den kleineren Anbietern sieht. Ähnlich erwartet das Bundeskartellamt auch keinen Wettbewerbsdruck durch Anbieter von IPTV o.ä. Trotz all dieser Bedenken wird also das Vorhaben akzeptiert? Gemäß dem Motto: Wenn eh kein Wettbewerb herrscht (also implizite Kollusion vorliegt), dann können wir auch gleich einen Zusammenschluss zulassen.

Dass dieser nicht nur Auswirkungen auf den Wettbewerb zwischen den Kabelanbietern hat, ist leicht ersichtlich. Interessant sind hierbei vor allem die möglichen Auswirkungen auf den Pay-TV-Bereich. In diesem Sektor ist vor allem der Anbieter SKY der größte Marktteilnehmer. Dieses Unternehmen besitzt jedoch kein eigenes Kabelnetz und ist daher auf die Durchleitung der Kanäle angewiesen. Unitymedia ist dagegen ein vertikal integriertes Unternehmen, da es neben der Netzebene auch auf der Pay-TV- Ebene als Anbieter agiert. Bedeutsam ist das deshalb, da nicht jeder potenzielle Kunde wechselkostenfrei zwischen Kabel und Satellit-Empfang wählen kann. Oder anders formuliert, wenn schon ein Kabelanschluss vorliegt, für den auch schon ein Entgelt gezahlt werden muss, so ergibt es aus Sicht der Kunden keinen Sinn, sich zusätzlich einen Satellitenanschluss zu bestellen.  Somit ist Unitymedia gegenüber SKY in einer wesentlich stärkeren Verhandlungsposition. Eine Nichtbedienung des Marktgebietes von Unitymedia durch SKY hieße, auf einen großen Teil der potenziellen Pay-TV-Kundschaft zu verzichten. Daher wäre es eigentlich problematisch, wenn Unitymedia seinem Konkurrenten SKY einen Zugang prinzipiell verweigern würde.

 „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“

 

Dieser Eindruck entsteht aber HD-TV-Bereich, wo außer einem einzigen Sportkanal keinerlei HD-Programme des Senders SKY verfügbar sind. Offiziell heißt es, dass man sich noch nicht über die kommerziellen Bedingungen geeinigt habe. Interessant an dieser Aussage ist allerdings ihre konstante Halbwertszeit, welche schon einige Jahre beträgt.[3] Aus wettbewerblicher Sicht würde dieses Marktverhalten ins Bild passen, da Unitymedia in Deutschland beispielsweise nicht im Bereich der Fußball-Bundesliga aufgrund der exklusiven Lizenzen antreten kann. In den übrigen Sparten, wie z.B. neuen Filmen, existiert jedoch Wettbewerbspotenzial. 

Interessant wird dies vor allem, wenn man sich das Verhalten des nun an der Fusion beteiligten Kabel BW als Gegenstück anschaut. Das Unternehmen, wie auch andere Kabelanbieter[4], ermöglicht es bislang seinen Kunden, genau diese HD-Angebote von SKY nutzen. Kunden, die also im Netz von Kabel BW solche Zusatzleistungen bei SKY gebucht haben, dürfen nun gespannt sein, ob sie demnächst für „kleines Geld“ schwarze Bildschirme betrachten dürfen. Umso erstaunlicher ist, dass dies im vorliegenden Kartellbeschluss nicht zu tragen kommt bzw. eine Zusicherung der Zugänglichkeit in den Katalog der Zugeständnisse aufgenommen wurde.  Welche weitergehenden Konsequenzen dies haben kann, sieht man nun am Beispiel von Kabel Deutschland, dem größten Kabelanbieter. Als hätte man diese Form der Zugangsverweigerung als adäquate Strategie für sich entdeckt, wehrt sich Kabel Deutschland  gegen die Nutzung des Kabelnetzes durch die Konkurrenz.[5]

So ist in diesem Fall also nicht die wettbewerbliche Situation zwischen den Kabelbetreibern  von Interesse, wobei diese ja schon negativ durch das Bundeskartellamt bewertet wurde, sondern die spezielle nachgelagerte Stufe der Anbieter von Pay-TV-Inhalten. Es ist schon erstaunlich, dass eine Netznutzung durch SKY im Bereich der zahlungspflichtigen HD-TV-Programme sich so lange zieht, während Unitymedia sein Angebot auszuweiten scheint.[6] An den technischen Bedingungen kann es also nicht scheitern. Eine Betrachtungsweise aus wettbewerbsökonomischer Sicht wäre, die  Vorgehensweise von Unitymedia als Marktverschluss durch Zugangsverweigerung einer wesentlichen Einrichtung zu bezeichnen. Ein solcher Marktverschluss ist vor allem deshalb attraktiv, weil das eigene Angebot für kabelnetzgebundene Kunden die einzige Option für die Nachfrage nach Bezahlfernsehen im HD-TV-Bereich darstellt. Es bleibt abzuwarten, ob Pay-TV Kunden im HD-TV-Bereich noch eine Weile in die Röhre schauen oder sich doch unerwartet eine Einigung ergibt.


[2] Siehe Bundeskartellamt, 2011 für eine nähere Definition.

[3] http://www.digitalfernsehen.de/Unitymedia-Keine-Angst-vor-Kuendigungen-mehr-Sky-HD-erst-2012.75240.0.html

[4] http://www.hdtv-pro.de/hdtv-sender/hdtv-sender-im-kabelnetz-uebersicht/

[5] http://www.welt.de/print/die_welt/wirtschaft/article13677364/Kabel-Deutschland-schottet-sein-Netz-ab.html

[6] http://www.unitymedia.de/produkte/fernsehen/hd-box.html

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