Gastbeitrag zum Thema Benzinpreise von Justus Haucap in der FTD

Pünktlich zu Ostern steigen nicht nur die Preise an den Tankstellen, sondern ebenso pünktlich entbrennt auch die Debatte in Politik, Medien und Wirtshäusern, wie denn die Macht der Mineralölgesellschaften begrenzt werden kann. In diesem Jahr hat die Debatte neue Nahrung durch die Sektoruntersuchung erhalten, die das Bundeskartellamt schon im vergangenen Mai vorgelegt hat. Darin kommt das Bundeskartellamt zu dem Befund, dass fünf große Mineralölgesellschaften den Markt beherrschen und wirksamer Wettbewerb nur am Rande durch freie Tankstellen und regionale Ketten stattfindet. Zudem werden die Preiserhöhungen in aller Regel immer durch die beiden Marktführer Aral und Shell vorgenommen, während die anderen dann kurz später nachziehen. Jedoch bröckeln die Preise in der Folgezeit auch immer wieder ab, es kommt zu zyklischen Preisbewegungen. Die Geschwindigkeit dieser Preiszyklen hat in den letzten zwei Jahren deutlich zugenommen. Ermittlungen des Bundeskartellamtes zufolge ist z.B. in Köln die Anzahl der Preiserhöhungen in den vergangenen Jahren von 12.235 auf 18.726 angestiegen und die der dann folgenden Preissenkungen von 30.458 auf 45.653 pro Jahr. Um diesen Trend zu stoppen, hat das Bundeskartellamt wiederholt verschiedene Preisbremsen ins Spiel gebracht. Danach dürfen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal am Tag erhöhen, so wie dies z.B. in Österreich der Fall ist.
Ob diese Preisbremsen allerdings wirklich dem Verbraucher helfen, ist mehr als unklar. Wer garantiert, dass die Mineralölkonzerne dann nicht einen besonders großen Schluck aus der Pulle nehmen, wenn sie wissen, dass Preise nur einmal am Tag erhöht werden dürfen? Genau dies suggeriert nämlich eine experimentelle Analyse, die wir gerade am Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie vorgenommen haben. Zu befürchten ist, dass die Anzahl der Preisbewegungen zwar abnimmt, das Preisniveau aber möglicherweise sogar steigt, weil die Koordination unter den Tankstellen noch einfacher wird als bisher. Das würde den Autofahrern weniger helfen als den Mineralölgesellschaften. Zudem werden die Preise in Österreich immer mittags um 12.00 Uhr angehoben, d.h. auch hier zahlen die Autofahrer abends oft mehr als morgens.
Der Kern des Wettbewerbsproblems liegt ohnehin nicht bei der Preisbildung an den Tankstellen selbst. Wäre nämlich ein Markteintritt bei Tankstellen leicht möglich, wäre auch ein koordiniertes Parallelverhalten nicht von langer Dauer. Markteintritt ist hier allerdings keineswegs einfach, auch aufgrund der vermachteten Struktur der Raffinerieebene, auf deren Belieferung Tankstellen angewiesen sind. Die Raffinerieebene hat das Bundeskartellamt in seiner Analyse leider nicht berücksichtigt. Umso wichtiger wäre es daher, dass das Bundeskartellamt auch eine Untersuchung des Raffineriesektors durchführen würde, um das Bild zu vervollständigen. Von zentraler Bedeutung für eine wirksame Konkurrenz durch freie Tankstellen und kleine Ketten ist nämlich, dass diese bei der Belieferung durch Raffinierien nicht benachteiligt werden, sondern dieselben Konditionen erhalten wie die konzerneigenen Tankstellen. Allein durch die potenzielle Möglichkeit der vertikal integrierten Mineralölgesellschaften, durch eine Verschlechterung der Lieferkonditionen in den Raffinerien den Wettbewerb zwischen Tankstellen maßgeblich zu beeinflussen, kann ein Drohpotenzial entstehen oder sogar absichtlich aufgebaut werden, um die freien Tankstellen von einem allzu aggressiven Preiswettbewerb abzuhalten.
Zu begrüßen ist in diesem Kontext die Absicht der Bundesregierung, das bisher bis Ende 2012 befristete Verbot von Preis-Kosten-Scheren im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen im Zuge der vorgesehenen Gesetzesnovelle unbefristet zu verlängern.
Schließlich sind aber auch die Verbraucher selbst gefordert. Zahlreiche Autofahrer achten nur wenig auf Preisunterschiede und tanken immer bei derselben Tankstelle. Wer nicht auf Preisunterschiede reagiert, darf sich aber auch nicht beschweren, wenn er möglicherweise zu viel bezahlt. Eine intelligente Möglichkeit könnte es sein, Echtzeit-Preisvergleichssysteme besser in Navigationssysteme zu integrieren, sodass die Suche nach günstigen Preisen für die Autofahrer einfacher wird.

Eine experimentelle Forschungsarbeit von Justus Haucap und Hans Christian Müller findet sich hier.

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1 Kommentar

  1. Ein sehr interessanter Beitrag, aber in vielen Punkten stimme ich überein. Allerdings die Tatsache, dass viele nicht auf günstigere Tankstellen achten kann ich nicht zustimmen. Manchmal lohnt sich der Cent Unterschied einfach nicht, wenn man dafür viele hundere Meter weiter fahren muss.

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