Zuzahlungsbefreiung von Festbetrags-Arzneimitteln: Eine empirische Untersuchung der Preise für Arzneimittel in Deutschland 2007 bis 2010

Die deutschen gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) beteiligen ihre Mitglieder über Zuzahlungen, sei es für Arzneimittel oder Arztbesuche, an den Behandlungskosten. Im Ausland haben sich schon seit Jahren gestaffelte Zuzahlungen („tiered co-payments“) für Arzneimittel als kostensenkende Regulierung bewährt. Häufig richtet sich dabei die Höhe der Zuzahlung nach der Art des Medikaments, also Original-, Importpräparat oder Generika, und damit nur indirekt nach dem Preis des Arzneimittels. Patienten und Ärzte werden mit dieser Methode dazu angeleitet entweder besonders effektive oder günstige Medikamente einzusetzen.

Seit 2006 verfolgen die gesetzlichen Krankenkassen einen innovativen Ansatz gestaffelter Zuzahlungen in Deutschland: Arzneimittel werden von der Patientenzuzahlung befreit, wenn der Preis mindestens 30% unterhalb des Festbetrags liegt. Der Gesetzgeber sieht die Möglichkeit einer Zuzahlungsbefreiung in ausgewählten Festbetragsgruppen vor, wenn sich potentiell Kosteneinsparungen aus der Maßnahme ergeben könnten. Die Regulierung wurde bis Ende 2010 vom Spitzenverband der GKV in 185 von 281 Referenzpreisgruppen umgesetzt. Innerhalb dieser Gruppen sind beim Höchststand am 15.03.2010 12.887 Arzneimittel tatsächlich befreit, da sie unter die Zuzahlungsbefreiungsgrenze fallen. Firmen können nun durch ihre Preispolitik selbst die Höhe der Patientenzuzahlung beeinflussen.

In der vorliegenden Studie (http://ideas.repec.org/s/zbw/dicedp.html) beantworten wir wie erfolgreich die Regulierungsmaßnahme die Preise für Arzneimittel zwischen 2007 und 2010 senkt. Dazu analysieren wir quartalsweise Arzneimittelpreise aller Medikamente im Festbetrags-System zwischen 2007 und 2010.

Unsere Ergebnisse zeigen ein differenziertes Preissetzungsverhalten der pharmazeutischen Unternehmen. So beobachten wir einerseits eine Preissenkung von 13% nach Einführung einer potentiellen Zuzahlungsbefreiung für Medikamente, die von einem Generika-Unternehmen hergestellt werden. Auf der anderen Seite steigt der Preis für Medikamente innovativer Unternehmen um 2% nach der Einführung der Regulierung. Es scheint Firmen im Arzneimittelmarkt zu geben, die nicht auf Preissenkungsanreize reagieren, sondern weiter die Patienten mit einer geringen Preiselastizität der Nachfrage bedienen. In Anlehnung an das „Generika-Paradoxon“ nennen wir diesen Effekt „Zuzahlungs-Paradoxon“.

Wir beobachten in unseren Daten außerdem eine Konvergenz von Preisen und Festbeträgen. Sinkende Festbeträge und die Einführung der Möglichkeit einer Zuzahlungsbefreiung scheinen den Unternehmen im Zeitablauf weniger Preissenkungspotential zu bieten. Des Weiteren korreliert die Anzahl von Konkurrenten, also die Anzahl der Firmen und Produkte im relevanten Markt, mit niedrigeren Preisen.

Unsere Ergebnisse unterstreichen die Wichtigkeit preissensitiver Patienten, da wir die Wirksamkeit der Zuzahlungsbefreiung im Hinblick auf weitere Preissenkungen im Festbetragsmarkt zeigen können. Es ist daher empfehlenswert gerade im Festbetragsmarkt die zentrale Steuerungsfunktion von Patientenzuzahlungen mit flankierenden Maßnahmen zur Kostensenkung zu verbinden, um eine effiziente Versorgung mit Arzneimitteln auch in Zukunft zu garantieren.

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3 Kommentare

  1. @Manuel: Vielen Dank für den Hinweis zu aktuellen Zahlen. Immer mehr Auswertungen zeigen, dass es in den vergangenen zwei Jahren zu absolut mehr Arzneimittel-Zuzahlungen der Patienten in den Apotheken gekommen ist.
    Der Grund für die vermehrten Zuzahlungen scheint weniger in steigenden Arzneimittelpreisen als vielmehr an sich überschneidenden Regulierungen zu liegen. Ganz besonders die verpflichtende Ausgabe von rabattierten Arzneimitteln scheint die Zuzahlung anzutreiben (http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=29960). Daher lassen sich aufgrund steigender Zuzahlungen leider kaum generelle Rückschlüsse ziehen: eventuelle Einsparungen durch rabattierte Arzneimittel könnten die Krankenkassen entlasten, was sich dann in stabilen Beitragssätzen ausdrücken könnte.
    Eine grobe Übersicht zu Regulierungen findet sich auch hier: http://www.bmg.bund.de/krankenversicherung/arzneimittelversorgung/zuzahlung.html.

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