Schreiben, um gelesen zu werden..Spotify für Zeitungen?

Leben, um davon zu erzählen heißen die Memoiren des kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez: „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen“. Angewandt auf Zeitungen im Internet könnte man vielleicht sagen: „Nicht das was wir schreiben wollen, ist ein guter Artikel, sondern das, was wir schreiben und wie wir es schreiben, um gelesen zu werden.“

Das Zeitungssterben erfasst nun nicht nur klassische Zeitungen, auch die als die Zukunft der Zeitung angepriesenen Geschäftsmodelle wie „The Daily“  von Rupert Murdoch sind davon betroffen. Viele befürchten, dass sich Qualitätsjournalismus im Internetzeitalter nicht behaupten kann. Doch was unterscheidet das Geschäft im Internet so drastisch von dem traditionellen Zeitungsgeschäft?

Zum einen hat sich die Art zu werben geändert. Werbetreibende können den Erfolg ihrer Anzeigen nachvollziehen. Das betrifft sowohl die Anzahl der (potenziell) erreichten Kunden, wie lange ein Leser der Werbung ausgesetzt war und auch die Anzahl der Leser, die tatsächlich der Werbeanzeige gefolgt sind.  Das bedeutet natürlich, dass man Leser dazu bringen muss den Artikel anzuklicken, zu lesen und im Idealfall auch die Werbung wahrzunehmen.  Letzteres ist Aufgabe der Werbeindustrie, der Rest Aufgabe der Zeitung.

Leser können heute genau zeigen welche Artikel sie interessant finden und welche nicht. Nicht durch abstimmen, sondern durch aufrufen und lesen. Darüber hinaus können sie die Artikel ohne großen Aufwand kommentieren und über soziale Netzwerke weiterverbreiten. Dazu müssen Artikel aber erst gefunden  und gelesen werden. Im Internet konkurriert jeder Artikel mit unzähligen anderen um die Aufmerksamkeit möglicher Leser.

Das war früher anders. Besonders Tageszeitung genossen in vielen Regionen sehr komfortable und monopolähnliche Positionen. Leser bekamen die Tageszeitung geliefert und waren ihr, abgesehen von Radio und Fernsehen, mehr oder weniger hilflos ausgesetzt. Die Zeitung traf eine Vorauswahl relevanter Nachrichten und die Leser vertrauten ihrer Zeitung, dass sie zuverlässig informiert wurden.  Welche Artikel tatsächliche gelesen wurden blieb indes im Dunkeln. Die  Zeitung wurde als Bündel gekauft. Einzelne Artikel gab es nur als Teil des Ganzen. Andere Möglichkeiten geschriebene Informationen zu konsumieren waren begrenzt.

Und heute? Heute trifft die Zeitung meines Vertrauens die Auswahl der Artikel, die sie denkt, dass ich konsumieren sollte. Nicht, weil es sonst keine Möglichkeiten gibt, sondern weil es zu viele Möglichkeiten gibt mich zu informieren.  Dafür zahle ich, dafür erwarte ich aber auch Qualität. Der Unterschied zu früher besteht darin, dass sich jeder einzelne Artikel der direkten Bewertung durch den Leser unterziehen muss. Leser können bei jedem Artikel entscheiden, ob er ihren Qualitätsansprüchen entspricht. Nicht mehr die Zeitung an sich steht im Mittelpunkt, sondern der Artikel.

Früher mussten die Leute lesen, weil es geschrieben und geliefert wurde. Heute müssen Journalisten mehr als je zuvor schreiben, um gelesen zu werden. Wird es also in Zukunft noch Zeitungen geben? Mit Sicherheit! Die Frage ist, wie diese aussehen werden. Die Suche nach dem optimalen Geschäftsmodell muss weitergehen und sollte nicht durch staatliche Maßnahmen beeinflusst werden. Journalisten und Verlage müssen gemeinsam Wege finden Leser zu gewinnen.  Die Geschäftsmodelle müssen flexibel auf die Ansprüche der Leser reagieren.

Die Musikindustrie zeigt wie es gehen kann und dass dabei nicht zwangsläufig die etablierten Firmen gewinnen. Apple durchbrach das klassische Geschäftsmodell Musik nur als Bündel im Album oder als Single anzubieten und schaffte es binnen kürzester Zeit durch iTunes mit digitaler Musik Geld zu verdienen. Nicht mehr ganze Alben sondern einzelne Stücke werden gekauft. Der Zuhörer entscheidet, was er hören möchte und für was er Geld ausgibt. Songs die er nicht möchte können ihm nicht mehr untergeschoben werden. Jedes Lied muss überzeugen.

Ein anderes Beispiel: Spotify. Musik wird nicht mehr verkauft sondern es kann auf Abermillionen Musikstücken zugegriffen werden. Wenn man möchte umsonst aber werbefinanziert. Wer den Service unterwegs oder ohne Werbung und in besserer Qualität genießen möchte muss dafür bezahlen. Wer hören will kann hören, wie komfortabel hängt von der persönlichen Zahlungsbereitschaft ab. Und die Künstler? Die verkaufen nicht wie bisher CDs und Singles ohne zu wissen welches Lied wann und wie oft gehört wurde, sondern werden nutzungsabhängig bezahlt. Vielleicht weniger als bisher aber wie viel kostet einmal zuhören bei einer CD, bei einem Track auf einer CD? Die Künstler profitieren aber auch von mehr Zuhörern durch Konzertbesuche und Merchandising. Und die Kunden hören was sie wollen und wann sie wollen. Abstimmung mit den Ohren. CDs und MP3s werden trotzdem auch weiterhin verkauft. Leidet darunter die Qualität der Musik oder die Vielfalt?

Ein Patentrezept können diese Beispiele natürlich nicht liefern. Zu unterschiedlich sind die beiden Branchen. Denkanstöße zu kreativen Lösungen können sie aber allemal sein. Vielleicht möchten sich Leser die Einzelteile selbst zusammenstellen, den Wirtschaftsteil aus der FAZ, den Sport vom Kicker, den Kulturteil aus der Zeit, Politik und Aktuelles von Spiegel.de und den neusten Klatsch und Tratsch aus der Bild. Eine persönliche Zeitungsplaylist. Ein vergleichbares Abo-Modell zum zusammenstellen gibt es bisher nicht. Oder gleich Spotify für Zeitungen: Jeder Artikel einzeln, Playlists verschiedener Zeitungen auf meine Bedürfnisse abgestimmt, eine Flatrate für Premiuminhalte verschiedener Zeitungen. Meine Freunde beeinflussen mich was ich lesen soll und helfen mir interessante Artikel zu finden. Ein reizvoller Gedanke. Nur was interessant ist wird gelesen und verdient auch Geld. Bleibt die Frage, ob sich Qualität durchsetzt? In der Musikbranche kann man sich selbst ein Bild davon machen. Eins scheint aber klar, die Branche hat ein anderes Gesicht als noch vor 20 Jahren.

 

 

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