Von Dummköpfen und Lügnern – Warum es so schwierig ist, Großprojekte richtig zu planen

“Pläne können auf vielfältige Weise schiefgehen, und obwohl die meisten dieser Möglichkeiten allzu unwahrscheinlich sind, als dass man sie vorhersehen könnte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass bei einem Großprojekt irgendetwas schiefgehen wird”, schreibt der Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem neuen Buch Thinking, Fast and Slow. Damit beschreibt er treffend eines der Problem, welches momentan wiederholt in den Nachrichten die Runde macht: Fehlerhafte Pläne von Großprojekten, wie z.B. der Flughafen Berlin Brandenburg oder die Elbphilharmonie in Hamburg. Je größer und komplexer ein Projekt ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass es zu Fehlern bei der Prognose von Kosten oder des Eröffnungstermins kommt. What you see is all there is beschreibt das Problem von irrationaler Beharrlichkeit. Das bedeutet, dass Informationen von vorangegangenen Projekten ausgeblendet werden und sich stattdessen nur auf die eigene Prognose verlassen wird. Dieses Verhalten ist kurzsichtig und führt zu erheblichen Problemen.

Die Elbphilharmonie in Hamburg ist nur ein Bespiel von vielen, an dem sich allerdings einige Probleme gut veranschaulichen lassen. Bei der Planung waren für die Stadt Hamburg Kosten in Höhe von 77 Millionen Euro vorgesehen. Diese haben sich jedoch bereits beim Vertragsschluss im Jahre 2007 auf 114 Millionen Euro erhöht. Heute, nach mehrfachen Nachverhandlungen, liegen die Gesamtkosten bei ca. 575 Millionen Euro, wobei es sich hierbei lediglich um die Netto-Summe handeln soll. Somit hat sich die Summe der Baukosten im Laufe der Bauzeit um etwa das Achtfache erhöht. Auch die Bauzeit hat sich erheblich verlängert. Geplant war die Fertigstellung des Konzertgebäudes im Jahre 2010, wobei nach heutigem Stand eine Eröffnung frühestens im Jahr 2017 realistisch erscheint – es gibt also eine Bauzeitverlängerung von mindestens sieben Jahren.

Die achtfachen Kosten und die dreifache Bauzeit, wie können solche Fehlplanungen überhaupt entstehen? Im rationalen Standardmodell der Volkswirtschaftslehre gehen Menschen deshalb Risiken ein, weil die Chancen günstig sind; sie nehmen eine gewisse Wahrscheinlichkeit für einen kostspieligen Fehlschlag in Kauf, weil die Erfolgswahrscheinlichkeiten hinlänglich hoch sind. Ich finde jedoch, dass diese Erklärung alleine nicht ausreichend ist, um die Vielzahl an Fehlplanungen bei Großprojekten zu erläutern. Vielmehr sollte man eine weitere erklärende Variable berücksichtigen: die Optimismus-Verzerrung. Hierbei handelt es sich um eine Theorie der Entscheidungsfindung von Kahneman und Lavollo. Führungskräfte treffen ihre Entscheidungen nicht auf einer rationalen Abwägung von Gewinnen, Verlusten und Wahrscheinlichkeiten basierend, sondern aufgrund von irrationalem Optimismus: Sie überschätzen den Nutzen und unterschätzen die Kosten des Projekts. Hierfür bedenken die Entscheider lediglich Erfolgsszenarien, während das Potenzial für Fehler und Fehlberechnungen übersehen wird. Zusammenfassend kann man also sagen, dass sich Menschen daher auf riskante Projekte einlassen, weil sie deren Erfolgsaussichten allzu optimistisch einschätzen.

Doch nicht nur die Entscheidungsträger mit ihrem Optimismus sind verantwortlich, sondern ebenso die Planer der Großprojekte. So wurde kürzlich der dänische Volkswirt Bent Flyvbjerg im SPIEGEL wie folgt zitiert: „Die meisten Projektmanager sind Dummköpfe oder Lügner“. Das klingt zunächst ungelenk, beschreibt aber in etwa die Kategorien, die er in seinen Artikeln verwendet. So haben die „Dummköpfe“ Schwierigkeit, Kosten und Bauzeit von Großprojekten exakt vorhersagen zu können. Ein Grund hierfür ist die oben beschriebene Kurzsichtigkeit. Als Lösung dieses Problems rät Flyvbjerg zur Referenzklassenprognose. Hierbei wird die historische statistische Verteilung von Daten, die sogenannte Außenansicht, einbezogen. Mit ihrer Hilfe sollen Kosten und Bauzeit besser vorhergesagt werden, bzw. Prognosen angepasst werden. Kritischer sind jedoch die „Lügner“ zu beurteilen. Diese Planer sind ein Teil des Problems und nicht von dessen Lösung; Prognosen werden wissentlich falsch abgegeben, um den Zuschlag für das Projekt zu bekommen. Unterstützt werden diese Planer durch das Wissen, dass Projekte nur selten wegen Kosten- oder Terminüberschreitungen bereits halb fertig aufgegeben werden. Dies führt dazu, dass Planer versuchen den Entscheider von ihrer falschen Berechnung zu überzeugen – dadurch wird es für diesen immer schwieriger, zwischen den „echten“ und gefälschten Prognosen zu unterscheiden.

Ein Weg aus dieser Misere ist es, bessere Planungsmethoden zu entwickeln, welche auch statistische Daten mit einbeziehen. So können die „Dummköpfe“ aus historischen Daten und Fehlern lernen und es bei zukünftigen Projekten besser machen. Wichtiger ist es jedoch eine gewisse Planungsethik zu entwickeln, die die „Lügner“ eliminiert und zumindest vor wissentlich falschen Prognosen schützt. Zusammen würde dies zu einer höheren Transparenz und Planunsicherheit führen

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