Informationsaustausch zwischen Unternehmen: Wie viel Kommunikation sollte erlaubt sein?

Wenn in horizontaler oder auch vertikaler Beziehung stehende Unternehmen miteinander kommunizieren, besteht nicht selten der Verdacht, dass dabei nichts Gutes herauskommt. Schon Adam Smith hat 1776 in seinem Werk The Wealth of Nations daher auch seinen wohl berühmtesten Satz formuliert:

“People of the same trade seldom meet together, even for merriment and diversion, but the conversation ends in a conspiracy against the public, or in some contrivance to raise prices.”

Relativ unbekannt ist jedoch der Text, der direkt nach diesem Satz folgt und eine sehr pessimistische Sichtweise auf die Durchsetzung des Wettbewerbsrechts, im Zusammenhang mit genau dieser Kommunikation zwischen Konkurrenten, offenbart:

“It is impossible indeed to prevent such meetings, by any law which either could be executed, or would be consistent with liberty and justice. But though the law cannot hinder people of the same trade from sometimes assembling together, it ought to do nothing to facilitate such assemblies; much less to render them necessary.”

225 Jahre später hat sich der jetzige Chefökonom der Europäischen Kommission, Kai-Uwe Kühn, deutlich optimistischer geäußert und die Kommunikation als primäres Ziel der Wettbewerbsbehörden zur Kartellbekämpfung propagiert:

“I argue […] that the emphasis on communication [in order to detect collusion] is justified because market behaviour is generally not verifiable in court.”

Aufgrund vielfältiger Kommunikationswege und Möglichkeiten des Informationsaustauschs ist dieses Thema heute aktueller denn je. Am 4. Februar 2013 wurde es daher beim Forum Unternehmensrecht unter der Federführung des Instituts für Unternehmensrecht und der Leitung von Prof. Dr. Kersting thematisiert.

Neben der Darstellung des deutschen und europäischen Rechtsrahmens sowie einiger Fallbesprechungen (Dr. Romina Polley) und der Darlegung der Sichtweisen der betroffenen Unternehmen (Dr. Andreas Möhlenkamp), wurde ebenso die ökonomische Perspektive diskutiert. Besonders interessant aus ökonomischer Sicht ist dabei, dass die Analyse des Austauschs von Informationen sowohl antikompetitive als auch effizienzsteigernde Wirkungen entfalten können.

Die Unternehmenskommunikation über zukünftiges Verhalten kann zum Beispiel koordinierte Effekte hervorrufen, also eine Kollusion erleichtern bzw. ermöglichen. Die Unsicherheit über zukünftiges Verhalten der Konkurrenten kann insbesondere dann reduziert werden, wenn mehrere Handlungsoptionen zur Verfügung stehen. Die Unternehmen können sich somit gegenseitig Signale senden, welches Strategien denn von ihnen zu erwarten ist. Dabei ist nicht einmal wichtig, dass diese Ankündigungen bindend sind. Es reicht vollkommen aus, dass das Signal, die „richtige“ Strategie zu wählen, als glaubwürdig angesehen wird.

Neben den antikompetitiven Effekten können sich aber auch effizienzsteigernde Wirkungen entfalten. So können die Aussagen Informationen enthalten, die für Konsumenten von Interesse sind und etwa Suchkosten verringern. Auch können sich Unternehmen über diese Aussagen binden und z.B. Preisobergrenzen definieren. Die dritte Möglichkeit ist, dass private Informationen ausgetauscht werden, die ebenfalls die Unsicherheit verringern und damit die Wohlfahrt erhöhen. Fraglich ist dabei jedoch, wie groß der Anreiz ist, tatsächlich private Informationen preiszugeben.

Generell ist ein solches Verhalten also besonders dann als problematisch (also tendenziell antikompetitiv) einzustufen, wenn die Informationen privat ausgetauscht und nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind. Jeder private Austausch über die Zukunft könnte demnach auch prinzipiell als kollusionsfördern eingestuft werden. Im Gegensatz zum Austausch von Informationen, die die Gegenwart oder die Vergangenheit betreffen, ist somit eine relativ einfache Bewertung möglich.

Werden dagegen aktuelle Informationen ausgetauscht, wird die Analyse deutlich schwieriger. Zwar sind auch hier vor allem koordinierte Effekte denkbar. So können z.B. Informationsasymmetrien zwischen Unternehmen über Nachfragen, Mengen, Preise oder Kosten getauscht und damit Verhalten einfacher abgestimmt werden. Der Austausch kann darüber hinaus Kartelle intern oder auch extern stabilisieren bzw. eine Kontrolle von Absprachen erleichtern.

Doch auch in diesen Fällen ist auf der anderen Seite eine Vielzahl an positiven Wohlfahrtseffekten denkbar: Ein Informationsaustausch kann z.B. ebenso Externalitäten in der Form erzeugen, dass Konkurrenten bessere Daten darüber erhalten, wie sie im Wettbewerb mit anderen Unternehmen stehen. Dies kann dann unter Umständen zu einer höheren Wettbewerbsintensität führen. Die ausgetauschten Informationen können u.U. die Allokation verbessern oder auch positive externe Effekte für Verbraucher erzeugen. Kosteninformationen können darüber hinaus die Effizienz von Unternehmen steigern.

Eine Bewertung fällt hier demnach auch deutlich schwerer als bei der Analyse der Kommunikation über zukünftiges Verhalten. Generelle oder gar einfache Wettbewerbsregeln sind deshalb in diesen Fällen auch nicht ableitbar. Allerdings können anhand der Art der ausgetauschten Informationen (privat/öffentlich; aktuelle/historische Daten; Preisdaten/Kostendaten; Individualdaten/aggregierte Daten) eine vorsichtige Einschätzung vorgenommen werden. So sind Informationen über individuelle zukünftige Preise deutlich problematischer anzusehen als historische Kostendaten. Letztendlich sollten jedoch die Kartellbehörden immer eine Einzelbetrachtung durchführen. Fraglich ist, ob nicht darüber hinaus den Unternehmen eine Art Effizienzeinrede eingeräumt werden sollte, die es ihnen erlaubt, auf mögliche positive Wirkungen hinzuweisen, um damit eine Untersagung des Verhaltens zu verhindern.

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Ralf Dewenter
Ralf Dewenter
Prof. Dr. Ralf Dewenter Helmut-Schmidt-Universität Universität Holstenhofweg 85 22043 Hamburg

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