Der größere Narr mit den zittrigen Händen – Über die Ökonomie der Bitcoins

Betrachtet man das Internet einmal mit dem leicht verklärten Blick der digitalen Gründerzeit, also als nobles Experiment, das hilft Menschen über Grenzen hinweg zu verbinden, das Demokratie „von unten“ fördert und Informationen egalitär verbreitet. Dann sind Bitcoins die Währung, mit deren Hilfe digitale Idealisten dieses noble Experiment vorantreiben wollen. Für sich genommen sind sie eine sehr elegante Idee. Die Tauschwährung, mit der ein paar Nerds vor ein paar Jahren bestenfalls ein paar Pizzen kaufen konnten, kann heute an Börsen gegen „harte Währungen“ eingetauscht werden und ist Wired.co.uk zufolge gerade Fluchtwährung für geplagte Spanier und Zyprioten. Ökonomisch weisen Bitcoins einige Probleme auf, die eine Betrachtung interessant machen.

Die Währung basiert auf einem kryptographischer Algorithmus. Jeder Bitcoin besteht aus zwei alphanumerischen Schlüsseln, die dezentral erzeugt und sicher transferiert werden können. Theoretisch kann sich jeder sein eigenes Geld schürfen und damit Waren oder Dienstleistungen erwerben. Die erste Frage, die Bitcoins aufwerfen, beginnt bei der Geldschöpfung. Vereinfacht kann man sagen: Bei Edelmetallwährungen wird Geld geschaffen indem man es aus der Erde holt, die Geldmenge ist durch die physische Ressource beschränkt. Bei Fiatwährungen steuert eine Zentralbank die Geldmenge im besten Fall korrespondierend zum Wirtschaftswachstum des jeweiligen Landes. Es klingt vielleicht antiquiert, aber Bitcoins greifen wieder auf eine Ressourcenbindung zurück. Drei Ressourcen bestimmen die Geldschöpfung von Bitcoins: Zeit, Stromverbrauch und Komplexität der verfügbaren Schlüssel. Zwar kann theoretisch jeder Bitcoins schürfen, jedoch bedarf es dafür viel Rechenleistung, dies erklärt die ersten beiden Ressourcen. Die dritte Ressource ist im Konzept verankert. Bitcoins sind global auf 21 Millionen Stück begrenzt, die Anzahl wurde im Algorithmus festgelegt und kann nachträglich nicht geändert werden. Es handelt sich also um eine knappe Ressource. Ökonomisch ist das schon mal gut, nur was knapp ist hat auch einen positiven Preis.  Dadurch lässt sich mit dem „Schürfen“ von Bitcoins eine ökonomische Rente generieren.

Seit David Ricardo wissen wir, der Preis des Bodens wird durch den schlechtesten Boden bestimmt und wenn man mehrere Minen ausbeuten kann, fängt man mit derjenigen an, die am wenigsten Arbeit macht. Bei Bitcoins ist das nicht anders. Die Schlüssel, die errechnet werden müssen, werden kontinuierlich komplexer. Die Kosten pro generiertem Bitcoin steigen somit im Rechenaufwand. Somit erhält der Besitzer des älteren Bitcoins gegenüber dem Besitzer des jüngeren Bitcoins beim Verkauf zum einheitlichen Marktpreis eine ökonomische Rente. Mit den geschürften Bitcoins im digitalen Portemonnaie ist es nun aber so wie mit dem Geld auf der Bank, oder um Hotellings Terminus zu benutzen, wie mit dem Öl im Boden. Wenn jemand seine neuen Bitcoins nicht sofort auf dem Sekundärmarkt gegen anerkannte Währungen tauscht, sondern die „Ressource schont“, erwartet er in der Regel steigende Preise und somit eine höhere Rente. Wer darauf spekuliert, möchte für seine Geduld in der Regel auch mit einer positiven Rendite belohnt werden. Je älter die gehaltenen Bitcoins, umso höher wären die ökonomische Rente, die sich an der Börse realisieren ließen und somit steigt der Anreiz zu warten mit dem Alter der Bitcoins. Bitcoins sind global limitiert, um Inflation im System zu verhindern. Als der Handelspreis für Bitcoins vor einiger Zeit zusammengebrochen ist, wurde viel über Inflation in diesem Zusammenhang gesprochen. Ein einzelner Kurssturz hat nicht viel mit kontinuierlicher Kaufkraftentwertung zu tun. So lange langfristig steigende Preise erwartet werden, könnte sich Deflation als größeres Problem herausstellen.

Inflation und Deflation sind sich pragmatisch gesehen sehr ähnlich. Bei Inflation schreibt man halt ein paar Nullen hinter den Geldbetrag und bei Deflation ein paar Nullen vor den Geldbetrag. Da Bitcoins nur digital existieren, sind die Kosten für eine Anpassung der Stückelung sehr gering. Leider ist die ökonomische Bedeutung von Deflation im Konzept untergegangen. Vor drei Jahren wurden zwei Pizzen über ein Forum für 10.000 Bitcoins gehandelt. Zum Kurs von Anfang Mai 2013 hätte man die gleiche Summe auch gegen etwas mehr als eine Million USD tauschen können. Ein gigantischer Preisverfall, bei aktuellen Preisen würde vermutlich niemand wesentlich mehr als 1/8 Bitcoin für zwei Pizzen bieten. Konstanter Kaufkraftgewinn durch steigende Wechselkurse heißt natürlich auch, dass Werte verzerrt werden und die Investitionsrate aufgrund mangelnder Transaktionen abnimmt. Für eine Währung ist dies mehr als schädlich. Es gibt keine Zentralbank, die der Spekulationsabsicht mit einer größeren Geldmenge oder niedrigeren Zinsen entgegenwirken könnte. Wenn alle an steigende Renten glauben und niemand mehr tauscht, kann das vorhandene Geld nicht mehr zirkulieren und die Währung bricht in sich zusammen.

Dies führt zum zweiten ökonomischen Problem der Bitcoins. Der Wert von Bitcoins wird weder durch die Wirtschaftskraft eines Landes garantiert noch durch Edelmetalle gedeckt. Hinter dem Markt stehen auch keine Unternehmen aus der Realwirtschaft. Die Erfinder der Bitcoins wollten bewusst ein System schaffen, dass ohne Vertrauen in die Zentralbanken auskommt. Dies erklärt vielleicht warum gerade in Spanien und Zypern das Interesse an Bitcoins so groß ist, man sucht eine unkontrollierte Fluchtwährung weil eben genau dieses Vertrauen in Institutionen zu oft enttäuscht wurde. Im Gegensatz zum Zentralbankgeld sind Bitcoins der profitable Außenseiter. Es stimmt aber nicht, dass Bitcoins Vertrauen vollständig durch Kryptographie ersetzt hätten. Für Ökonomen basieren Bitcoins schlicht auf der Theorie des „Greater Fools“. Aus dem Wunsch heraus sich dem „Verrat durch die Institutionen“ zu entziehen, hat man dieses Vertrauen durch ein Vertrauen auf einen abstrakten nächsten Käufer ausgetauscht. Der Gegenwert eines Bitcoins wird nur dadurch bestimmt ob es auch morgen noch einen größeren Narren gibt, der bereit ist mehr zu bezahlen als man selbst aufgewendet hat. Egal ob Wertanlage oder Tauschmittel, mit Bitcoins erkauft man sich auch immer einen Anteilsschein am globalen größeren Narrentum.

Anfang April ist der Preis für Bitcoins auf der größten Handelsplattform innerhalb von zwei Tagen um 80% eingebrochen und hat sich seit dem nur langsam erholt. Auf der einen Seite muss der Preis für Bitcoins stetig steigen, weil die Erzeugung teurer wird und es ökonomische Anreize gibt Bitcoins knapp zu halten und auf der anderen Seite schwebt immer die Frage mit, wann kein größerer Narr mehr bereit ist in den Markt einzusteigen. Ohne ein fundamentales Wertkalkül hinter der Währung können die Preise nur langfristig steigen wenn genügend Nachfrage vorhanden ist. Und die Nachfrage einer Währung steigt in ihrem Netzwerknutzen, sprich wenn mehr Menschen mit dieser Währung handeln und die Tauschmöglichkeiten zunehmen. Der Mainstream hat aus den Bitcoins ein volatiles Spekulationsobjekt gemacht. Vielleicht stabilisiert sich die Währung mit zunehmender Akzeptanz, bis dahin muss jeder größere Narr allerdings auch immer zittrige Hände haben. Weil er nie weiß, ob er vielleicht der größte Narr gewesen ist.

 

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3 Kommentare

  1. d’accord mit Peter P.

    Und das Deflationsargument wurde auch schon längst zu Tode zerlegt.

    Zum einen, wenn’s so wär, würd niemand Computer und Handies mehr kaufen, wenn sie morgen billiger zu haben sind. Aber im Gegenteil, die gehen immer weg wie blöd.

    Zum anderen werden Bitcoins gern ausgegeben, einfach mal ein wenig umsehn im Internet. Gerade gespendet werden sie sehr gerne.

    Zum ganz anderen, was passiert denn, wenn der Kurswert zu sehr ansteigt und die Blase irgendwann platzt? Richtig, der Kurswert fällt wieder. Das heißt, es entsteht nun endgültig ein Anreiz, die Bitcoins auszugeben, ähnlich wie bei Inflation oder Umlaufsicherung. Damit werden sie an Neueinsteiger umverteilt und die Verbreitung nimmt möglicherweise zu. Dann kommt wieder der Netzwerkeffekt zum tragen und der Kurswert steigt wieder. Ein theoretisch auf lange Sicht sich selbst-stabiliserendes System.

    Somit bleibt der Kritikpunkt, dass man eventuell immer von etwas Volatilität und temporärer Blasenbildung ausgehen kann. Ob ein größerer Bekanntheitsgrad dem zukünftig tendentiell entgegenwirken kann, wir werden sehen. Nicht zuletzt deswegen wird Bitcoin von den Entwicklern auch als Experiment bezeichnet.

  2. First off I do not agree with exchanges or banks they both need to go away. I find it hiaouilrs every time one of them gets hacked. What you argue about an exchange owner of bitcoin raising the exchange rate by 5 cents to make a profit is nothing illegal. Gas stations do the same thing, they value their gas at what price they want, that’s why gas 2 miles down the road can cost 20 cents more or less. A farmers market will value their produce at insanely higher prices then walmart because of higher quality. Furthermore, people that sell bitcoin on Ebay have significantly different values then exchanges. I’ve seen 1 BTC sell as high $30 and the exchange rate as at $11. The real issue here is not the worth of bitcoins but the cost of exchange to cash. Clearly the answer is to eliminate the need to exchange to cash entirely and earn wages with bitcoin and buy goods and services directly with bitcoin. Perhaps you can write an article describing in great detail what jobs you can work for that pay in bitcoin and and list ways one would use their bitcoins to pay for food, housing, internet, etc. This would be more beneficial to people then stirring a pot of rumors and crying wolf about the exchanges.

  3. Der Text macht sehr gute Vergleiche. Die Ansicht mit dem größeren Narr ist schon eine harte Wortwahl, aber verständlich. Da könnte man auch den Vergleich zu Aktien ziehen und hoffen, dass der größere Narr dir die Aktien wieder abkauft. Da hängt es halt davon ab, wie es der Firma performt. Die Bewertung (incl. Fund-Raising vorher), von Tesla (E-Auto) ist da vielleicht interessant, um das im Kontext von neuen Playern in Industrien mit etablierten Globalplayern zu betrachten.
    Die Wette ist hier nicht: die Firma wird mehr Wert sein, sondern die Währung wird Akzeptanz finden und dadurch mehr Wert sein. Und nebenbei trägt die Währung oder wie man es nennen will einen ideologischen Wert.
    Warum sollte sie irgendwann mehr Wert sein:
    Mit welcher anderen Währung kann man kostenlos (oder gegen eine sehr geringe Gebühr), sofort und weltweit bezahlen? (Alle Bitcoins sind etwas mehr als 1 mrd $ wert, das 1000-fache dessen wird täglich um die Welt geschickt.)
    (Wenn du ein System dafür hast, dass ohne Anlaufphase funktioniert, investiere ich sofort mein ganzes Geld darein. Welche Institution hat genug Vertrauen, um eine Weltwährung zu bewerkstelligen? Welche andere Währung ist demokratisch? Wie viel Wert ist der €, wenn ein Rettungsschirm nicht mehr gezahlt werden kann? )
    Wenn man den Preissturz anführt, dann sollte man auch das drumherum erwähnen: Mitte März war der Kurs knapp über 40 $, dann stieg der übertrieben schnell auf über 200$ und fiel (alles in einem kurzen Zeitraum), dann ist der Kurs auf hohe 65$ gefallen. Vielleicht war der Kurs mal für 5 Minuten da wieder auf 44$ (sonst kommst du nicht auf die 80%). Den Kontext sollte man bei so einer reißerischen Zahl auch mal klar machen.
    Generell sieht man bei den Bitcoins ein normales Verhalten wie bei der Einführung von Autos, Dampfloks oder Computern. Skepsis ist angebracht, aber die Vorteile sollte man auch nicht verachten.

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