Herr Professorin!

Seit einiger Zeit gibt es immer mehr Bestrebungen, die deutsche Sprache geschlechtsneutral auszurichten. Dies soll der (sprachlichen) Gleichbehandlung von Männern und Frauen also der Gleichberechtigung auch in der Sprache dienen. Diese Bestrebungen haben zum Beispiel dazu geführt, dass an der Hochschule nicht mehr von Studentinnen und Studenten die Rede ist, sondern allgemein von Studierenden. Auch wenn meiner Meinung nach der Begriff „Studierende“ ein wenig schwerer von den Lippen geht als Studenten bzw. Studentinnen, so erreicht man neben einer geschlechtsneutralen Bezeichnung auch eine Verkürzung und damit Vereinfachung der Sprache. Und genau das soll Sprache als Kommunikationsmittel ja vor allem sein: exakt, einfach und verständlich. Man spart sich hier ebenso die doppelte Bezeichnung (Studentinnen und Studenten), ohne dass ein Geschlecht sprachlich benachteiligt wird. Und auch wenn z.B. die englische Sprache die geschlechtliche Unterscheidung gar nicht kennt und damit noch einmal deutlich einfacher ist – hier ist ein „student“ ja bekanntlich ebenso geschlechtsneutral wie ein „professor“ – hat die Verwendung des Begriffs „Studierende“ durchaus Vorteile.

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch im Verkehrsrecht beobachten: Ab dem 1. April 2013 gilt eine neue Straßenverkehrsordnung, die ebenfalls geschlechtsneutral formuliert ist. So wurde aus §1 (2) StVo „Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten…“ ein neuer Absatz 2, der nun lautet: „Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten…“. Auch diese Formulierung ist, wenn auch etwas holprig, noch einigermaßen gangbar. Generell wurden Begriffe wie „Fußgänger“, „Radfahrer“ und „Fahrzeugführer“ aus der StVo gelöscht und durch Termini wie „wer zu Fuß geht“, „wer ein Fahrrad führt“ und „wer ein Fahrzeug führt“ ersetzt. Manchmal hat man das Problem der geschlechtsneutralen Bezeichnung aber auch dadurch gelöst, indem man aus den männlichen „Radfahrer“ „Rad-fahrende“ oder aus „Mofa-Fahrer“ „Mofa-Fahrende“ gemacht hat. Ob dies allerdings wirklich zur Gleichberechtigung beiträgt ist fraglich. Verständlicher oder einfacher wird die Straßenverkehrsordnung dadurch jedenfalls nicht.

An der Universität Leipzig wurde nun kürzlich eine neue Form der geschlechtsneutralen Bezeichnung für die dort arbeitenden geschätzten Kolleginnen und Kollegen eingeführt. Der erweiterte Senat hat die neue Grundordnung der Universität verabschiedet, in der nun ausschließlich die weibliche Personenbezeichnung benutzt wurde, ergänzt um den Hinweis, dass diese gleichermaßen für das männliche und weibliche Geschlecht gelte. So ist etwa ausschließlich von Professorinnen und Studentinnen die Rede, nicht aber von Professoren oder Studenten (oder gar Studierenden). Typischerweise wird übrigens der umgekehrte Weg gewählt (also die maskuline Form samt Hinweis auf die Geltung für beide Geschlechter) oder aber die ebenfalls holprige Doppelnennung „Professor/Professorin“.

Meldungen verschiedener Medien, die behaupten dass sich die an der Universität Leipzig tätigen männlichen Kollegen ab sofort als „Herr Professorin“ anreden lassen müssen, wurden jedoch mittlerweile als falsch zurückgewiesen – schade eigentlich.

Share and Enjoy:
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email link Herr Professorin!
  • Twitter
Ralf Dewenter
Ralf Dewenter
Prof. Dr. Ralf Dewenter Helmut-Schmidt-Universität Universität Holstenhofweg 85 22043 Hamburg

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.