Springer verkauft Printtitel: Das Ende des Journalismus?

Völlig überraschend hat die Axel Springer AG angekündigt, einige ihrer Printtitel zu verkaufen. Es handelt sich dabei um zwei Regionalzeitungen, einige Anzeigenblätter, fünf TV-Zeitschriften und zwei Frauenzeitschriften. Unter den verkauften Titeln befindet sich zum Beispiel das Hamburger Abendblatt und eine der ältesten Programmzeitschriften, die Hörzu. Der Kaufpreis liegt bei immerhin 920 Mio. Euro. Der Käufer ist die Funke Medien Gruppe. Als Begründung für diesen Schritt führt Springer an, sich in Zukunft viel stärker auf die Digitalisierungsstrategie konzentrieren zu wollen. Und tatsächlich war der Verlag in den letzten Jahren durchaus erfolgreich mit dem Angebot digitaler Inhalte – und dies trotz oft gescholtener „Gratiskultur im Internet“ und noch fehlendem Leistungsschutzrecht.

Was ist also als Folge des Verkaufs zu erwarten? Nun, zunächst hängt einiges davon ab, was mit den verkauften Titeln passieren wird. Wird ein Großteil davon eingestellt oder weitergeführt? Doch unabhängig davon was kurzfristig geschehen wird, zumindest mittelfristig wird es zwangsläufig zu einem starken Rückgang an Zeitungen und Zeitschriften kommen, da wohl die Nachfrage nach gedruckten Informationen immer weiter zurück gehen wird. So wird es in Zukunft immer weniger Programmzeitschriften geben, da die immer häufiger genutzten Elektronischen Programmführer die Rolle der TV-Magazine übernehmen werden. Ein ähnlicher Trend ist auch bei vielen anderen Produkten zu beobachten. Es ist ein Strukturwandel im Gange, der nicht rückgängig gemacht werden kann.

Eine Auswirkung dieses Wandels könnte die Vielfalt der angebotenen Inhalte und auch ebenso den Journalismus betreffen. Journalisten werden in Zukunft deutlich seltener für Zeitungen und Zeitschriften arbeiten, dafür umso häufiger für Onlinemedien; die Arbeit der Journalisten wird sich teilweise den neuen Märkten und Produkten anpassen müssen. Darüber hinaus werden Arbeitsplätze wegfallen. Dies wird jedoch nicht nur Journalisten betreffen, sondern ebenso Arbeiter und Angestellte im Druckgewerbe, bei Zustellern und anderen verbundenen Märkten. Dies ist zwar sehr bedauerlich aber ebenso wenig zu ändern wie bei vergleichbaren Fällen in anderen Industrien. Es handelt sich hierbei um die typischen Effekte struktureller Veränderungen.

Als ein weiterer Effekt wird oftmals die drohende Beschränkung der (Meinungs-)Vielfalt angeführt. Ob der Verlust an Programmzeitschriften (sollte zumindest ein Teil der verkauften Titel eingestellt werden) dabei tatsächlich ein Verlust an Vielfalt darstellt, ist zu bezweifeln. Ob es nun zu 5 oder 10 Marktaustritten bei den Programmmagazinen kommt, ist dabei unerheblich, letztendlich wäre beides kein schwerwiegender Vielfaltsverlust. Und auch Frauenzeitschriften dürft es noch in ausreichender Zahl geben – dieses Genre ist bekanntermaßen durch eine hohe Zahl an Anzahl an Titeln gekennzeichnet. Etwas differenzierter muss man das Ganze bezüglich der Tageszeitungen betrachten. Das Hamburger Abendblatt ist die dominierende Regionalzeitung in Hamburg. Eine Einstellung des Titels wäre wohl tatsächlich ein Verlust an Vielfalt – zumindest in Bezug auf die regionale Berichterstattung.
Ist aber eine Einstellung tatsächlich zu erwarten? Nur weil Springer die Zeitung verkauft, ist noch längst nicht davon auszugehen, dass auch eine Marktaustritt erfolgen muss. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass vom neuen Eigentümer Kostensenkungen vorgenommen und Unternehmensstrategien angepasst werden. So ist etwa flächendeckend immer noch kein funktionierendes Bezahlmodell für journalistische Inhalte im Netz entwickelt worden. Und aller Voraussicht nach wird dies auch nicht funktionieren, solange für einzelne Artikel noch signifikante Preise verlangt werden. Viele Preise sind viel zu hoch, bezogen auf die Zahlungsbereitschaft der User als auch in Bezug auf die Herstellungskosten.

Jedoch ist gleichzeitig die größte Gefahr für Printmedien auch die größte Hoffnung für die Vielfalt. Das Internet erhöht nicht nur den Druck auf die Printtitel, sondern bietet auch eine scheinbar schier unendliche Vielfalt an Informationen. Es ist also zunächst gar nicht ersichtlich, warum es überhaupt zu einem Verlust an Vielfalt und Produktdifferenzierung kommen sollte. Es ändert sich vielleicht das Medium bzw. die Technologie und eventuell auch die inhaltliche Darstellung und Gestaltung. Jedoch können die gleichen Berichte, die heute noch zunächst in Zeitungen und Zeitschriften zu finden sind, zukünftig im Zweifel auch ähnlich online erscheinen.

Aber was ist bei den Online-Inhalten tatsächlich anders? Neben den anfallenden Kostenvorteilen aus der Digitalisierung, fallen im Netz auch die hohen Kosten für den Druck, die Druckvorbereitung und die Verteilung der Printtitel weg. Ungefähr gleich bleiben sollten dagegen die Kosten für Informationsbeschaffung und Aufbereitung durch die Redaktionen. Den gesunkenen Druckkosten stehen dann wiederum Infrastrukturkosten für Server, Netzzugang und -nutzung gegenüber. In der Summe sollten die Kosten für die Onlinebereitstellung aber deutlich geringer sein. Allein deshalb ist es schon nicht besonders verwunderlich, warum Inhalte oftmals kostenlos erhältlich sind.

Ebenso ist die Zahlungsbereitschaft für einen Online-Beitrag ein wichtiges Kriterium. Doch ist diese im Netz tatsächlich so gering, wie immer behauptet? Existiert tatsächlich eine „Kostenlosmentalität“? Oder ist es vielmehr so, dass auch die Leser von Zeitungen nicht bereit sind, bis zu einem Euro für nur einen Artikel zu zahlen, wenn sie für die gesamte Ausgabe gerade einmal 2-4 Euro bezahlen müssen. Die Zahlungsbereitschaft ist also vielleicht gar nicht das Problem, sondern (wie schon mehrmals in diesem Blog thematisiert) das Fehlen eines intelligenten Bezahlsystems. Hohe Preise für einzelne Beiträge und hohe Transaktionskosten, die bei der Bezahlung jedes einzelnen Beitrags anfallen, machen ein Bezahlmodell schwierig, nicht unbedingt die sog. Kostenlosmentalität.

Hinzu kommt, dass der Werbemarkt im Netz deutlich kompetitiver ist als im Offline-Bereich. Auch hier ist weniger zu verdienen, was die Finanzierung entsprechend schwieriger macht. Dass aber auch mit Werbung Geld zu verdienen ist, zeigt z.B. Google mit sehr zielgerichteter Werbung. Und auch wenn die einzelnen Margen geringer sind als zuvor (die Kosten sollten es übrigens auch sein), so bedeutet dies noch nicht, dass eine Finanzierung nicht realisierbar ist. Lediglich scheinen die goldenen Zeiten der Verlage vorbei, in denen oftmals hohe Monopolgewinne (insbesondere bei Regionalzeitungen) abgeschöpft wurden – so what?

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Ralf Dewenter
Ralf Dewenter
Prof. Dr. Ralf Dewenter Helmut-Schmidt-Universität Universität Holstenhofweg 85 22043 Hamburg

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