Aufbruchstimmung in der Zeitungsbranche?

Jetzt also doch. Die deutsche Zeitungsbranche macht sich an die Arbeit. Bild guckt im Silicon Valley wie es gemacht wird, führt bezahlte Online-Inhalte ein, der Springer Verlag entledigt sich der Regionalzeitungen und Zeitschriften, Gruner + Jahr will mehrere Millionen investieren, verspricht Gewinne und redet vom „hochprofitablen Magazingeschäft“. Und ganz nebenbei zeigen Neueinsteiger, dass der Lokaljournalismus lebt und sich auszahlt. Das richtige Konzept für die Zukunft der Zeitungsbranche ist noch nicht gefunden, aber einige haben sich auf den Weg gemacht es zumindest zu suchen.

Trotz hartnäckigen Ignorierens hat die Digitalisierung auch die Zeitungsbranche eingeholt. Wer hätte auch gedacht, dass es nach der Musikbranche, dem Buchhandel, dem Versandhandel und eigentlich jeden Bereich des Lebens auch die Zeitungsbranche treffen könnte. Das Zeitungssterben bedroht das Zeitungsland Deutschland. Doch zwischen dem vielen Wehklagen, tauchen immer wieder Nachrichten auf, die nach Zukunft klingen.

In ganz Deutschland grübeln Redaktionen und Verlage, wie sie mit ihren Inhalten im Internet Geld verdienen können. Würde man sich drei Tage einsperren und über dieses Problem nachdenken, wie groß wäre die Wahrscheinlichkeit, dass man es erstmal mit dem Leistungsschutzrecht versuchen würde? Versuchen also, Teile des Gewinns von Unternehmen einzufordern, die im Online-Geschäft erfolgreich sind. Die Absicht des Leistungsschutzrechtes mag die Lösung eines relevanten Problems sein (Urheberschutz), aber zur notwendigen Modernisierung der Zeitungsbranche trägt es nichts bei – ist vielleicht sogar schädlich. Einige in der Branche zeigen, dass es auch anders geht.

Der Spiegel hat es mit seinem Online-Auftritt schon lange vorgemacht. Das Magazin ist immer noch eine Wochenzeitschrift, Online dagegen ist es eine der wichtigsten Online-Tageszeitungen (wenn man es so nennen möchte). Auch Springer baut um: Innovationen wurden im Silicon Valley bestaunt, ein erfolgversprechendes Bezahlsystem eingeführt und die Regionalzeitungen abgestoßen.

Gruner+Jahr möchten sich nun auch „radikal verändern“. Man will sich dabei vor allem an den Interessen und Wünschen der Leser orientieren. Gut so! Woran auch sonst. Im FAZ Interview mit Julia Jäke, der Vorstandsvorsitzenden bei Gruner + Jahr, ist vor allem das Wort „plattformneutral“ interessant. Eine starke Verbindung zwischen On- und Offline also und im Mittelpunkt sollen die Inhalte stehen. Nicht ganz neu das Konzept für Medienunternehmen. Überraschend aber, dass man sich als „Zeitschriftenhaus“ gesehen hat und nicht als Inhaltehaus, das Medien – wie z.B. Zeitungen – nutzt, um diese Inhalte zu verkaufen. Der Umbau wird zwar neue Arbeitsplätze schaffen aber auch viele kosten. Ein schmerzhafter aber wahrscheinlich notwendiger Schritt.

Interessant auch die Geschichte des Online-Portals „Tegernseer Stimme“. Es hat sich in der Region eine Nische erarbeitet und scheint auch Geld zu verdienen. Der Gründer und einige Mitarbeiter können sogar davon leben. Im Unterschied zu den Lokalzeitungen in der Region bietet die Tegernseer Stimme ein interaktives Portal mit Themen, die die Leser in der Region interessieren. Leser können sich aktiv beteiligen und bekommen so eine Stimme, werden Teil der Zeitung. Vielleicht meinte Frau Jäke das mit der Absicht sich an den Wünschen und Interessen der Kunden zu orientieren. Auch plattformneutral agieren die Tegernseer: Sie drucken auch mal Magazine und verteilen diese kostenlos.

Würde man sich tatsächlich mal drei Tage einsperren und über das Problem nachdenken, würden einem vielleicht noch mehr Sachen einfallen. Oder man fährt nach Schweden und schaut sich an wie die Jungs von Spotify ein komplett neues Zahlungssystem in der Musikbranche etabliert haben. Man zahlt bzw. besitzt nicht mehr ein Musikstück, sondern bekommt über eine Flatrate Zugang zu Millionen von Musikstücken – solange man bezahlt.

Eine andere Überlegung: Was sollte ein Artikel eigentlich kosten? Der Spiegel z.B. kostet 4,40 Euro am Kiosk, zieht man Material, Druck und Distribution ab, bleibt für jeden einzelnen Artikel nicht mehr viel übrig. Wie viel kostet ein Online-Artikel? Wenn er einmal geschrieben ist, dann verursacht jeder weitere Leser keine zusätzlichen Kosten, die Marginalenkosten, die Kosten für einen weiteren Leser, sind gleich Null. Was kostet ein Artikel, der nur zur Hälfte gelesen wurde? Oder nach zwei Absätzen schon den Leser langweilt? Die Frage ist also nicht allein das Bezahlsystem sondern der Preis.

Eine oder die richtige Lösung wird es wohl nicht geben. Es wird vielmehr viele Lösungen, viele Wege geben. Wieder das Beispiel Musikbranche: Es gibt nicht nur Spotify oder iTunes, es gibt auch YouTube, Soundcloud, Hype Machine und viele viele mehr – trotzdem aber auch CDs und Platten. Früher gab es nur die Zeitung, heute Tablets, Smartphones, Computer und noch dazu die Zeitung. Ein bisschen mehr Optimismus, Mut und Unternehmergeist würde der Branche also gut zu Gesicht stehen.

Bei allen Neuerungen lohnt es auch manchmal zurückzuschauen, z.B. zu Brecht, der über den Rundfunk sagt und eigentlich nur die ganze Medienbranche gemeint haben kann: „…dass der Rundfunk eine Seite habe, wo er zwei haben müsste: Er ist ein reiner Distributionsapparat, er teilt lediglich zu. Der Rundfunk müsse aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren“.

 

 

 

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