Verzerrt oder Neutral? Von linker Zensur und asiatischen Weinen

Mit dem Fernsehduell der beiden Spitzenkandidaten hat am Sonntag sowohl für die Parteien als auch für die Medien die Endphase des Wahlkampfs begonnen. Das Ringen um Wählerstimmen kann bislang als unaufgeregte Auseinandersetzung bezeichnet werden – langweilig ist wohl die treffendere Beschreibung. Auch die Berichterstattung in den deutschen Medien ist eher zurückhaltend. Das ist wenig verwunderlich, ist diese doch stark vom Handeln der Kandidaten und Parteien abhängig. Umso bemerkenswerter war das Aufsehen, das Mitte August die Nichtveröffentlichung eines Beitrags in der taz im links-alternativen Lager ausgelöst hat. Der betreffende Artikel sollte in der Sonntagsbeilage erscheinen und setzte sich sehr kritisch mit der Duldung pädophiler Neigungen bei den GRÜNEN in den 1970er und 1980er Jahren auseinander. Insbesondere ist darin eine mangelhafte Aufarbeitung dieses Kapitels der Parteigeschichte konstatiert worden (mittlerweile ist er im Netz abrufbar).

Die Chefredakteurin der taz, Ines Pohl, lehnte die Veröffentlichung wegen inhaltlich fehlerhafter Aussagen ab. Dieser, bei einer Zeitung grundsätzlich normale Vorgang, wurde medial intensiv diskutiert. Es wurde der Vorwurf einer Pressezensur erhoben. Basis dafür bildet die Unterstellung einer manipulativen Berichterstattung, da bewusst auf ein bestimmtes Thema verzichtet worden sei. Folglich seien keine inhaltlichen Mängel, sondern die Nähe und Gleichgesinntheit zwischen taz und Grünen die Nichtveröffentlichung verantwortlich: kurz vor der Bundestagswahl soll in der taz keine negative Publicity gemacht werden, um die Chancen der Grünen bei der Wahl nicht zu beeinträchtigen (siehe hierzu den Blog von Stefan Niggemeier).

Aus der Perspektive eines objektiven Betrachters erscheint dieser Vorwurf unverständlich. Erstens fällt eine solche Entscheidung grundsätzlich genau in das Aufgabengebiet einer Chefredakteurin (das gilt ungeachtet dessen, dass man sich im alternativen Umfeld mit Hierarchien und Autoritäten mitunter schwer tut) (siehe hierzu auch die Stellungnahme von Ines Pohl).

Zweitens scheint eine inhaltliche Ablehnung in diesem Fall für einen rationalen Leser schon durch die teils polemische Argumentation begründet.

Drittens ist aus medienökonomischer Sicht die Tendenz, eine bestimmte politische Couleur hervorzuheben und in ein besseres Licht zu rücken, zunächst als unproblematisch anzusehen. Medien bereiten Informationen auf und analysieren sie für ihre Rezipienten. Dazu zählt – alleine aus Platz- und Zeitgründen – auch die Auswahl bestimmter Inhalte und das Weglassen anderer. Bei dieser Selektion kommt es häufig zu einer politischen Verzerrung, in die eine oder andere Richtung. Dies spiegelt das ideologische Selbstverständnis vieler Medien wider und ist zudem gewinnmaximierend: Es wird den Kundenpräferenzen entsprochen, da die Leser in der Mehrzahl ihre individuellen Einstellungen und Meinungen in den Artikeln bestätigt sehen wollen. Aus dem Grund berichten viele Medien eher über die Themen, die ihr Publikum interessiert und nicht über das, was objektiv am bedeutendsten wäre. Deshalb kann ihnen aber nicht der Vorwurf einer mangelnden sozialen Verantwortung gemacht werden. So lange solche Verzerrungen der Öffentlichkeit bekannt sind (bzw. bekannt sein sollten) und verschiedene Medien unterschiedliche Richtungen und Lesergruppen bedienen, ist die journalistische Meinungsvielfalt (von Jungle World bis Bayernkurier) gesichert.

Im hier betrachteten Fall der taz ist daher zu erwarten, dass eine andere Zeitung, mit anderer (konservativer) politischer Richtung, das Thema sowieso aufgreift und darüber berichtet (wie auch geschehenen z.B. in der FAZ). Während die taz die frei gewordenen Zeilen nutzen kann, um ihre selbstdefinierte Rolle auszufüllen, z.B. indem sie nochmals auf die Sinnlosigkeit einer „Herdprämie“ aufmerksam macht.

Aus medienökonomischer Perspektive gilt es jedoch als problematisch, wenn die Berichterstattung ökonomisch begründeten Verzerrungen unterliegt. In erster Linie sind diese das Resultat finanzieller Anreize, insbesondere der Einflussnahme von Werbekunden, die für die meisten Medien die größte Einnahmequelle darstellen. Zudem bleibt eine solche Beeinflussung Kunden und Öffentlichkeit meist verborgen. Bspw. erschien in der Süddeutschen Zeitung im Jahr 2004 ein kritischer Artikel über ALDI-Süd, in dem die systematische Behinderung von Mitarbeiter bei der Gründung von Betriebsräten dargestellt wurde. Am nächsten Tag kündigte der Discounter eine laufende Anzeigenkampagne im Wert von 1,5 Millionen Euro (hierüber berichtete die taz). Dies stellte nicht nur den unmittelbaren Ausfall wichtiger Einnahmen für die SZ dar, sondern ist für alle Medien die glaubwürdige Drohung, dass negative Berichte direkte, spürbare Konsequenzen nach sich ziehen können. Speziell bei Anbietern, die mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben, können so Entscheidungen über die Berichterstattung beeinflusst werden.

Auch wer die traditionelle Elefantenrunde am Wahlabend nur mit einer Flasche gutem Rotwein erträgt, muss sich in Zukunft vor ökonomisch begründeten Manipulationen in Acht nehmen. Beim Kauf von Wein orientieren sich Konsumenten weltweit an den Bewertungen in Robert Parkers Zeitschrift „The Wine Advocate“. Deren Reputation basierte auf einer vorgeblichen Unabhängigkeit, welche z.B. durch Werbefreiheit garantiert werden sollte. Diese Zeiten scheinen nun aber vorbei zu sein: Parker hat seinen „Advocate“ an einen Investor aus Singapur verkauft. Wenn also in Zukunft ein chinesischer Pinot Noir über 90 Parker Punkte erzielt und französische Grands Crus aussticht, sollte das nur eingeschränkt als Kaufempfehlung aufgefasst werden. Erst recht, wenn das feine Bouquet am 22.09. über einen Wahlsieg der nicht-präferierten Partei hinwegtrösten muss.

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2 Kommentare

  1. Unbestreitbar sind verschiedene Themen sowohl für Staat und Gesellschaft, als auch individuell, unterschiedlich bedeutend. Ich stimme Ihnen zu, dass es sehr kompliziert wäre, diese Bedeutung objektiv zu bestimmen. Daher ist der Nachweis von politischen Verzerrungen durch einseitige Themenselektion schwer zu erbringen (Bayernkurier etc. außenvorgelassen). Letztendlich bekommen die Bürger wohl einfach die Berichterstattung, die sie wollen. Vielleicht ist (in einer funktionierenden Demokratie) auch schlicht das Interesse und die Nachfrage der Leser der beste Indikator für die objektive Bedeutung von Themen.

    Dennoch sind meiner Ansicht nach einige Verzerrungen klar erkennbar. Insbesondere gilt dies für die Berichterstattung über singuläre zufällige Ereignisse, wie z.B. den Gau in Fukushima 2011 oder die Oderflut 2002. In solchen Fällen kommt es häufig zu einer zeitlich begrenzten medialen Fokussierung auf ein Thema.
    Kurzfristig erscheinen alle anderen (weiterhin wichtigen) Themen vergleichsweise unbedeutend. Eine solche Berichterstattung erscheint speziell aus demokratischer Perspektive wenig wünschenswert. Fällt bspw. eine politische Wahl in ein solches Zeitfenster, verlieren andere Entscheidungsdeterminanten (wie die Bewertung der Regierungsarbeit) im Vergleich zum zufällig aufgetretenen Ereignis an Bedeutung.

  2. Ich stimme dem Beitrag in vielen Aspekten zu, bin am Rande nur über eine Nebenaussage gestolpert. Dort heißt es, viele Medien berichteten „eher über die Themen, die ihr Publikum interessiert und nicht über das, was objektiv am bedeutendsten wäre“. Ich frage mich schon lange, ob es objektive Kriterien für die Bedeutung von Themen gibt. Ich habe bisher nur Anhaltspunkte für solche Kriterien gefunden. Am Ende gibt es aber solche objektiven Kriterien glaube ich nicht. Dabei ist es gerade diese Agenda-Setting-Funktion, durch die Medien einen bedeutenden Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung haben. Viel weniger bedeutend ist, ob in einer Zeitung ein Kommentar pro oder kontra Kohlekraft steht. Oder ob in einem Artikel über den Neubau von Kohlekraftwerken die Argumente der CDU auf einer Länge von 20 Zeilen und die Argumente der Grünen auf einer Länge von 10 Zeilen wiedergegeben werden, oder ob die Längenverteilung genau umgekehrt ist. Einen viel entscheidenderen Einfluss auf die Meinungsbildung hat aber glaube ich, ob die Medien überhaupt über ein Thema berichten und wie groß sie es machen. Als Aufmacher auf der Seite eins? Als Kurzmeldung im Wirtschaftsteil? Wird die Bedeutung des Themas dadurch aufgewertet, dass es auch einen Kommentar dazu gibt?

    Gerade bei einigen Großthemen fällt mir eine Themenkonjunktur auf. Ein paar Beispiele: Klimawandel, der Wirtschaftsstandort Deutschland im internationalen Wettbewerb, Hunger in Krisenregionen, Integration von Migranten, alternde Gesellschaft, Globalisierung. Nach objektiven Kriterien müsste die Relevanz dieser Themen in den letzten Jahren jeweils ähnlich groß gewesen sein, weil sich dort jeweils nur langsam etwas verändert. Aber ein paar Monate oder Jahre lang wird über das eine Großthema diskutiert, dann verschwindet es wieder und anderes taucht auf. Objektive Kriterien dafür gibt es nicht, kann es glaube ich auch nicht geben.

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