WDR-Check: Auf dem Weg zur Qualitätsversorgung?

Der WDR hat ein neues Format, dass einen Dialog mit seinem Publikum ermöglichen und unter anderem zur Verbesserung des eigenen Programms beitragen soll: „WDR-Check“ lief am 30. Oktober zum ersten Mal im Fernsehen – und dies zur besten Sendezeit. Hier hat sich Tom Buhrow mit den Wünschen der Zuschauer zur Programmgestaltung des WDR befasst. In Formaten wie dem interaktiven ZDF „log in“ oder „Unser NDR – reden wir drüber!“ diskutieren Vertreter der Rundfunkanstalten mit ihrem Publikum bereits, um der öffentlichen Kritik an ihren Programmen eine Plattform zu bieten und Ansprüche an die Programmgestaltung neu zu definieren. Eine sinnvolle Sache könnte man meinen – schließlich dient der öffentlich-rechtliche Rundfunk der freien Meinungs- und Willensbildung im demokratischen Gemeinwesen und wird von der Allgemeinheit finanziert. Somit sollte diese auch Einfluss auf das Programm nehmen können, denn ihr „gehören“ die Rundfunkanstalten. Was kann nun aus Formaten wie dem WDR-Check mitgenommen werden? Wie ist das Ganze eigentlich aus einem ökonomischen Blickwinkel zu beurteilen?

Dazu muss erst einmal betrachtet werden, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk im dualen System eigentlich leisten sollte. Hervorzuheben sind zwei Aspekte: Erstens sollte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk klar vom Privatrundfunk abgrenzen lassen. Betrachtet man den Rundfunkmarkt in Gänze, so gibt es doch keinen Grund, warum im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Angebote stattfinden sollten, die genauso vom Privatrundfunk angeboten werden bzw. würden. Was dem „Massengeschmack“ entspricht und somit hohe Einschaltquoten generiert, führt im Ergebnis zu hohen Werbeeinnahmen und wird bzw. würde von den Privaten angeboten. Eine Verwendung öffentlicher Abgaben ist somit für Programme, die sich an diesen „Massengeschmack“ richten, nicht zu rechtfertigen.
Zweitens – und dies ist ein viel diskutiertes Thema – sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk insbesondere solche Angebote bereitstellen, bei denen seine redaktionelle Unabhängigkeit gefragt ist. In der ökonomischen Literatur ist es umstritten, welche Marktstrukturen am ehesten eine verzerrte Berichterstattung vermeiden könnten bzw. ob es hierzu eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks überhaupt bedarf. Ich denke, dass er wichtig ist, um Themen zu bearbeiten, die sensibel für Verzerrungen und/oder wirtschaftlich nicht rentabel für private Anbieter, jedoch gesellschaftlich wünschenswert sind. In dem Moment, wo die freie Meinungs- und Willensbildung durch ökonomische oder politische Anreize der Medienanbieter gefährdet wird, sollte also der öffentlich-rechtliche Rundfunk z.B. mit unabhängig aufbereiteten Informationen die Medienwelt bereichern. Dies ist überhaupt nicht genregebunden, sondern kann durch gut konzipierte Formate neben Nachrichtensendungen oder Dokumentationen auch durch entsprechende Unterhaltungsangebote geschehen.

Genau der Mangel an solchen Formaten, die den eben beschriebenen Anforderungen entsprechen, wurde zumindest vom Publikum vor Ort (Anmerkung am Rande: die Einbindung der Fragen aus den sozialen Netzwerken gelang kaum) beim WDR-Check kritisiert: Randsportarten, Kulturmagazine, Klangkörper kämen zu kurz, im Hörfunk herrsche ein Mangel an Vielfalt. Buhrow beendete seine Antworten meist mit einem diplomatischen „Ich werde dies mal als Anregung mitnehmen“. Das mag hoffen lassen. Doch am Ende wurde ausgesprochen, was eigentlich allen bewusst ist, die sich mit der Programmgestaltung der Öffentlich-rechtlichen befassen: Die Kollegen von 1LIVE erläuterten, mit ihrem Programm den Massengeschmack treffen zu müssen; nach 20 Uhr könne dann aber ein ganz anderes, weniger quotenträchtiges Programm laufen. Wahre Worte von den Radiomachern, die ebenso das Fernsehen betreffen (da verschiebt sich nur der Startpunkt für das qualitativ interessantere Programm logischerweise noch weiter nach hinten).

Und nun? Wird sich etwas ändern? Oftmals wird von den Programmverantwortlichen angeführt, ein Qualitätsprogramm, was in Richtung der Wünsche des beim WDR-Check zu Wort gekommenen Publikums ginge, würde dazu führen, dass irgendwann keiner mehr zuschaue und sich dann der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch stärker für seine Zwangsfinanzierung rechtfertigen müsse bzw. weiter an Akzeptanz verliere. Vielmehr müsse das Programm in Gänze allen gefallen; jeder solle „mal reinschauen“ wollen. Dies ist jedoch ein gefährlicher Trugschluss. Eine Quotenorientierung wird immer eine Angleichung der Programmgestaltung an die des Privatrundfunks bewirken und im Ergebnis dazu führen, dass die öffentlich-rechtliche Säule des dualen Systems entbehrlich wird. Betrachtet man die bestehende vielfältige Medienlandschaft, so kann ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk auf Dauer nur durch eine unabhängige Qualitätsversorgung seine Existenzberechtigung wahren. Und klar ist auch: Die öffentlich-rechtlichen Angebote können zur Erfüllung dieser Aufgabe in ihrem Umfang reduziert werden.

Wer kann nun beurteilen und kontrollieren, ob das Programm einerseits derartigen Ansprüchen genügt und andererseits nicht etwas bereitgestellt wird, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk gar nicht leisten muss und was somit auch nicht von der Allgemeinheit zu finanzieren ist? Die Rundfunkräte sicherlich nicht. Vielmehr bedarf es eines Expertenrats, der verpflichtend in die Gestaltung bzw. spätestens in die Kontrolle des Programms eingebunden werden müsste. Hier werden künftig viele Fragen zu beantworten sein – insbesondere mit Blick auf die Abgrenzung und Notwendigkeit von Angeboten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Zunächst bleibt zu hoffen, dass Buhrow tatsächlich die Anregungen aus dem WDR-Check mitnimmt.

Share and Enjoy:
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email link WDR Check: Auf dem Weg zur Qualitätsversorgung?
  • Twitter

4 Kommentare

  1. buhrow sagt, der örR gehört uns, dem gebührenzahler, wir seien die aktionäre. wo bleibt dann aber die aktionärs-hauptversammlung und die demokratische direktwahl eines aufsichtsrates durch die aktionäre, wie im aktionärsrecht üblich? warum kommt niemand in den zahllosen, ellenlangen kritiken am örR auf die idee, mal mehr demokratische einflussnahme durch den bürger zu fordern?

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.