8 Hochzeiten und ein Nobelpreisträger

Der öffentlich-rechtliche dänische Rundfunksender DR3 hat die letzte Folge der ersten Staffel des neuen TV-Formats „Hochzeit auf den ersten Blick“ ausgestrahlt, darüber berichtete z.B. die Welt am Sonntag.

In jeder der acht Episoden wird geheiratet, was an sich noch nichts Neues darstellt (Linda de Mol, Gülkan etc. sei Dank). Dass sich die Angetrauten nicht kennen und sich erst unmittelbar vor der Trauung im Standesamt das erste Mal sehen, allerdings schon. Beide Ehepartner sind durch ein vierköpfiges Team (von der Pfarrerin bis zum Sexualtherapeuten) füreinander (fremd)bestimmt worden.

Mit Sicherheit ist dieses Konzept für viele Deutsche eine Frevelei – die Empörung in christlichen und wertekonservativen Kreisen ist erahnbar. Aus ökonomischer Sicht ist es dagegen ein interessantes Experiment. Mit dem abendländischen Bild einer romantischen Liebeshochzeit wird hier eklatant gebrochen. Stattdessen nehmen externe Experten den Kandidaten ihre Auswahlentscheidung ab. Eine komplexe und strategisch bedeutsame individuelle Entscheidung wird also outgesourced.

Im Unterschied zur Mehrzahl von realen arrangierten Hochzeiten sind hier bei der Auswahl der Partner deren individuelle Merkmale entscheidungsrelevant. Bei vielen Vermählungen in vorwiegend asiatischen Ländern, die oftmals bereits im Kindesalter von der Familie beschlossen werden, bleiben Hobbies, Einstellungen oder Werte meist unberücksichtigt.

Diese Version einer arrangierten Ehe findet dagegen auf Basis rationaler Kriterien statt. Daher ist die geplante Hochzeit durch die Vermittlung von externen professionellen Beratern, den in anderen Kulturkreisen gängigen Modellen aus ökonomischer Perspektive weit voraus. Es ist zu erwarten, dass in der Entscheidungssituation erstens mehr Kandidaten berücksichtigt werden, was die Trefferwahrscheinlichkeit per se erhöht. Zweitens findet die Auswahl mit einem professionelleren Blick statt, d.h. erfahrene Experten entscheiden unvoreingenommen anhand von Fakten. Macht das Modell Schule könnte dies McKinsey, Boston Consulting oder Roland Berger ein neues Betätigungsfeld eröffnet.

Diese Sicht auf das Heiraten ist wenig romantisch, für Ökonomen aber nicht neu. Gary S. Becker hat bereits 1976 in seinem Werk “The Economic Approach to Human Behavior” eine Theorie der Ehe vorgestellt. 1992 erhielt er unter anderem für seine Forschungen auf diesem Gebiet den Nobelpreis. Grundlegend für eine Ehe ist nach Becker das notwendige Tätigkeiten (Einkommenserwerb, Haushaltsführung etc.) arbeitsteilig besser erledigt werden können. Aus ökonomischer Perspektive entscheiden hierbei natürlich nicht das Geschlecht, sondern alleine die komparativen Kostenvorteile darüber, wer welche Aufgabe erledigen soll. Zudem können manche Güter nur in einer solchen Partnerschaft erstellt werden – hierzu zählt insbesondere die emotionale Geborgenheit in einer festen Beziehung. Ferner bietet eine Ehe bei der Erstellung bestimmter Güter große Vorteile; speziell gilt dies für das Aufziehen von Kindern. Geschieden wird eine Ehe, wenn die Partner daraus eine Steigerung ihres Nutzenniveaus erwarten, d.h. wenn die entsprechenden Güter ohne Partner günstiger oder qualitativ besser hergestellt werden können.

Erst durch Kosten, die den Partnern im Fall einer Trennung entstehen, werden Liebesschwüre im ökonomischen Sinne glaubwürdig. Beim klassischen „Ich liebe dich“, besteht grundsätzlich Unklarheit darüber, ob es sich nicht um „cheap talk“ handelt, dass also den großen Worten nur rein opportunistische Motive zugrunde liegen.

Diese Perspektive mag zunächst abstoßen, auf den zweiten Blick lassen sich einige Aspekte aber direkt auf die Realität übertragen. So spielt bei vielen Heiratsentscheidungen das finanzielle Argument durch die steuerliche Besserstellung de facto eine große Rolle. Auch kann der Anstieg der Scheidungszahlen mit den gesunkenen individuellen Kosten einer Trennung erklärt werden: weder ist geschieden zu sein heute ein sozialer Makel, der Kosten in Form von Nachteilen auf dem Partnermarkt oder sozialer Ächtung verursacht, noch erfolgt die Trennung, wie noch vor 30 Jahren, nach einem Schuldprinzip, was die Versorgungssicherheit eines Partners nach der Ehe gefährden kann.

Genau diese gesunkenen Trennungskosten werden durch das dänische TV-Format aufgezeigt: Die Teilnahme an der Sendung ist nur denkbar, wenn Kandidaten diese auch als Spiel oder Experiment auffassen. Existierten beträchtliche soziale Scheidungskosten, wäre ein Mitwirken bei der realistisch betrachtet hohen Trennungswahrscheinlichkeit irrational.

Auch ein anderer individueller Aufwand des partnerschaftlichen Zusammenlebens kann durch eine solche TV-Sendung gut aufgezeigt werden: die Kosten, die notwendig sind, eine Beziehung zu beginnen und aufrecht zu halten. Hierunter fallen das aufeinander einspielen und abstimmen, das aneinander gewöhnen, die unzähligen Kompromisse und die Einschränkung der individuellen Entscheidungsfreiheit, die Voraussetzung dafür sind, dass die Renditen aus der Arbeitsteilung im Sinne Beckers überhaupt realisiert werden können. Im Fall einer arrangierten Hochzeit sind die genannten individuellen Einschränkungen und Aufwendungen höher als im Beziehungsnormalfall. Denn dort werden sie durch die hormonelle Erblindung im Rausch des Verliebtseins stark gemindert.

Die Sendung verspricht folglich neben der Befriedigung voyeuristischer Neigungen durchaus auch einige spannende soziologische Einblicke. Eine geplante deutsche Version kann also interessant werden. Die voraussichtliche Umsetzung durch das deutsche Privatfernsehen trübt die Erwartungen jedoch deutlich. Mehrere Sender haben ihre Unfähigkeit zur Produktion seriöser Beziehungsdokumentationen breites durch allerlei „Qualitätsprodukte“ unter Beweis gestellt. Zu befürchten ist zudem auch eine Prominenten-Ausgabe. Wobei sich der Autor dieser Zeilen schon jetzt auf den Blick des B-Starlets freut, das mit Helmut Berger vor dem Traualtar landet.

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