Gary Becker: Nobelpreisträger und ökonomischer Imperialist

Gary S. Becker, amerikanischer Ökonom und Nobelpreisträger ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Becker ist aber nicht nur als großer Ökonom bekannt geworden, sondern ebenso als Begründer des sogenannten ökonomischen Imperialismus. Wie kaum ein anderer hat er die ökonomische Theorie auf Lebensbereiche angewandt, die bis dahin Soziologen, Kriminologen, Juristen oder auch Biologen vorbehalten waren.

Becker hat den Homo oeconomicus, also den rational handelnden Menschen, auf die verschiedensten Fragen übertragen. Grundthese ist die individuelle Nutzenmaximierung, welche die Nutzen und Kosten einer Handlung abwägt und somit stets zu einer rationalen Lösung gelangt. Auf diese Weise hat Becker unter anderem die Ökonomie der Familie, des Selbstmords, der Kriminalität oder auch die Theorie des rationalen Suchtverhaltens begründet. Becker glaubte an die abschreckende Wirkung der Todesstrafe, plädierte aber auch für die Entkriminalisierung und der gleichzeitigen massiven Besteuerung von Marihuana.

Die Ökonomie des Heiratens ist eine von Beckers Theorien, die wohl am meisten Aufsehen erregt haben. Auch hier werden Nutzen und Kosten der Ehe abgewogen. Wann heiratet ein Mensch? Dann wenn er glaubt, dass die Suchkosten einen „besseren“ Partner zu finden zu hoch sind. Wen heiratet man? Natürlich einen Partner, bei dem der erwartete Nutzen aus der Ehe größer ist als die erwarteten Kosten. Entscheidend für die Auswahl sind nach Becker Kriterien wie die Intelligenz, die Herkunft, die Religion, die Bildung, die Größe, die Ausbildung und das Einkommen. Was passiert nach der Heirat? Man gründet einen Haushalt und produziert Güter. Diese bestehen aus der Qualität der Mahlzeiten, der Qualität und Quantität der Kinder oder auch der Gesundheit. Alles dies wird rational bewertet. Das klingt zynisch? Ist aber wohl auch nicht selten Realität. Liebe spielt dabei übrigens (wenn überhaupt) nur eine untergeordnete Rolle, nämlich implizit als möglichen Output in der Produktionsfunktion des Haushalts.

Eine süffisante Antwort auf den ökonomischen Imperialismus hat übrigens der Ökonom Alan Blinder mit der „Ökonomie des Zähneputzens“ gegeben. Blinder hat anhand eines mathematischen Modells gezeigt, dass es tatsächlich rational ist, sich regelmäßig die Zähne zu putzen. Anschließend hat er das Modell empirisch belegt.

Siehe auch: Niklas Im Winkel: 8 Hochzeiten und ein Nobelpreisträger

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Ralf Dewenter
Ralf Dewenter
Prof. Dr. Ralf Dewenter Helmut-Schmidt-Universität Universität Holstenhofweg 85 22043 Hamburg

1 Kommentar

  1. Der angesprochene Imperialismus, d.h. die Anwendung ökonomischer Theorien und Methoden auf andere soziale und wissenschaftliche Bereiche und Fragestellungen ist ein hochrelevantes Thema. Nicht erst seit durch die Finanz- und Staatsschuldenkrise das Vertrauen vieler Bürger in Märkte stark gesunken ist. Im Kern geht es um die Frage, welche Entscheidungen in einer demokratischen Gesellschaft durch den Marktmechanismus getroffen und wann andere Verfahren angewendet werden sollen. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion über Gerechtigkeit, Effizienz und Moral lieferte der Harvard-Philosoph Michael J. Sandel 2012 mit seinem Werk „Was man für Geld nicht kaufen kann“ (Rezensionen siehe z.B. hier http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article112086848/Was-man-fuer-Geld-nicht-kaufen-kann-Hirn.html und hier
    http://www.perlentaucher.de/buch/michael-j-sandel/was-man-fuer-geld-nicht-kaufen-kann.html)

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