Laborexperimente als geeignete Methode der Wirtschaftswissenschaften?

Experimente, insbesondere ökonomische Experimente erfahren zurzeit eine ungeahnte Hochkonjunktur. Ähnlich wie in der empirischen Wirtschaftsforschung bzw. angewandten Ökonometrie vor einigen Jahren, gibt es seit einiger Zeit einen richtigen Hype um diese Methodik. Dies führt dazu, dass eine Vielzahl an Studien produziert wird, die entsprechend heterogen in der Qualität sind und damit nicht in jedem Fall den höchsten Ansprüchen genügen.

Dabei können ökonomische Experimente durchaus ein sinnvolles Mittel sein, um das Verhalten von Menschen zu analysieren, um dann – bezogen auf eine bestimmte Situation und einen bestimmten Sample – Rückschlüsse zu ziehen. Was jedoch oftmals überschätzt wird, ist die Aussagekraft solcher Studien. Was können wir aus einem einzelnen Experiment lernen und welche Rückschlüsse sind erlaubt?

Ein gutes Experiment sollte zumindest zwei Eigenschaften erfüllen: Die interne und die externe Validität. Die interne Validität bezeichnet dabei im Prinzip die Gültigkeit der Schlussfolgerungen, die aus einem Experiment gezogen werden. Lassen die Ergebnisse tatsächlich die gezogenen Schlüsse zu oder könnten auch andere Erklärungen möglich sein. Kann tatsächlich, wenn auch nur eine einzige Variable verändert wird, darauf geschlossen werden, dass diese für die Ergebnisse verantwortlich ist. Oder hat sich etwa noch etwas anderes im Treatment verändert? Gibt es eine Korrelation mit einer anderen Variable, die das Ergebnis vielleicht treibt? Interne Validität erfordert eine gutüberlegte und sehr vorsichtige Vorgehensweise. Ein Fehler im Set-up führt oftmals dazu, dass die Resultate nicht mehr interpretierbar sind.

Je allgemeiner und weiter entfernt die untersuchte Fragestellung von der Laborsituation ist, desto schwieriger ist es, interne Validität zu erreichen. Lautet die Frage, z.B. wie sich Studenten in einem Ultimatumspiel verhalten, kann interne Validität noch relativ einfach erreicht werden. Lautet die Frage jedoch, wie etwa sich das Verhalten von Firmen, Behörden oder anderer Institutionen auswirkt – etwa wie das Verhalten einer Zentralbank auf Banken wirkt – ist interne Validität deutlich schwieriger zu erreichen, da sich mit einem solchen Set-up auch eine Vielzahl an ähnlichen Fragen motivieren ließe. Tatsächliche Marktsituationen sind von vielen Variablen abhängig, für die man im Labor vielleicht doch nicht immer korrekt kontrollieren oder sie erst gar nicht abbilden kann. Wie stellt man also sicher, dass man tatsächlich diese eine Fragestellung untersucht und nicht etwas ganz anderes?

Zwar haben Laborexperimente den Vorteil, dass sich für viele Einflüsse kontrollieren lässt, jedoch liegt auch immer eine Laborsituation vor, die mit der Realität nur schwer zu vergleichen ist. Genau diese Vergleichbarkeit mit der Realität und die Übertragbarkeit auf andere Menschen und Situationen bezeichnet man als externe Validität. Externe Validität ist also nichts anderes als die Allgemeingültigkeit oder Verallgemeinerungsfähigkeit der Resultate. Ist das Ergebnis übertragbar auf die Grundgesamtheit und was genau ist hier eigentlich die Grundgesamtheit?

So werden Laborexperimente oftmals aus Kostengründen mit Studenten einer bestimmten Universität als Probanden durchgeführt. Lassen sich die Ergebnisse nun auf die Grundgesamtheit übertragen oder würden andere Menschen – etwa Studenten einer anderen Universität – schon ganz anders handeln? Und wie sieht es mit Managern eines Unternehmens oder einer Behörde aus? Lässt sich deren Verhalten tatsächlich durch studentisches Verhalten approximieren? Lassen sich Firmenentscheidungen dadurch so einfach abbilden? Und wenn dies tendenziell gelingen sollte, reicht es dann aus, nur ein einziges Experiment dieser Art durchzuführen oder müsste nicht zunächst eine Vielzahl an Wiederholungen erfolgen, um überhaupt allgemeingültige Aussagen treffen zu können?

Interessant ist hierbei ein Vergleich mit der empirischen Wirtschaftsforschung: Würde man hier ausschließlich Daten über Studierende verwenden, so wären diese Untersuchungen wohl nur sehr schwer vermittelbar, wollte damit man auf eine andere Grundgesamtheit schließen. Angenommen, man untersucht (anhand von Marktdaten) das Konsumverhalten von Studierenden der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg (hierbei handelt es sich ausschließlich um Soldaten der Bundeswehr) aus einem bestimmten Jahrgang und würde daraus die Preiselastizität der Nachfrage für Sportwagen berechnen. Ließen sich diese Elastizitäten dann verallgemeinern und auf die gesamtdeutsche Nachfrage übertragen? Natürlich nicht, der berechtigte Einwand wäre, dass ein so homogener Sample möglicherweise keine externe Validität erzeugt. Noch viel unwahrscheinlicher ist es, dass ich mit einer solchen oder ähnlichen Untersuchung anhand von Studenten auf das Verhalten von Banken, Unternehmen oder Behörden schließen kann. Zwar kann wie bereits erwähnt im Labor für vieles kontrolliert werden, jedoch nicht dafür, dass sich Studierende tatsächlich wie z.B. Banken verhalten. Warum also sollte dann also ein Experiment im Gegensatz zu Marktdaten externe Validität erzeugen?

Eine Möglichkeit, die interne und externe Validität zu erhöhen, liegt aus meiner Sicht vor allem darin, Fragestellungen zu untersuchen, die im Labor abbildbar sind und diese mit ausreichend heterogenen und großen Samples zu untersuchen und diese Analysen möglichst oft zu wiederholen. Erst mit einer hohen Anzahl an genügend heterogenen Beobachtungen und geeigneten statistischen Methoden lassen sich valide Aussagen treffen. Dies ist zwar deutlich teuer, als eine relativ geringe Zahl an Studierenden zum Experiment zu gewinnen, jedoch lässt sich ansonsten wohl auch kaum etwas Sinnvolles schlussfolgern.

Share and Enjoy:
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email link Laborexperimente als geeignete Methode der Wirtschaftswissenschaften?
  • Twitter
Ralf Dewenter
Ralf Dewenter
Prof. Dr. Ralf Dewenter Helmut-Schmidt-Universität Universität Holstenhofweg 85 22043 Hamburg

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.