Die FIFA WM 2014: Vom Sommermärchen zum Ballermann

Heute ist Fußball, Public Viewing und Helene Fischer, Ballermann und „Schland!“. Das war nicht immer so. Fußball hat sein Macho- und Malocherimage abgelegt. Frauen sind nicht mehr böse, wenn ihre Männer WM gucken, im Gegenteil, sie schauen mit. Fußball wurde zur Massenware, der Fan zum Mainstreamtrend und zur beliebten Werbezielgruppe. Der Ball ist noch rund, aber der Sport steht nicht mehr im Mittelpunkt, der Gewinn des Pokals ist zweitrangig – die „schwarz-rot-geile“ Masse feiert sich selbst und macht sich zum Hampelmann des Hypes.

Die Geschichte des modernen Fußballs begann im England des neunzehnten Jahrhunderts. Dort, so schildert Raphael Honigstein, sah man zur prüden viktorianischen Zeit im Fußball eine Möglichkeit, die sexuellen Triebe von heranwachsenden Knaben zu bändigen. In Deutschland etablierte sich Fußball im 20. Jahrhundert vor allem in der Arbeiterklasse. Noch heute schlägt das Fußballherz der Nation im Kohlenpott – während die Pokale meist in den Süden wandern. Fußballkonsum, speziell live im Stadion, war lange eher ein proletarisches Vergnügen. Durch den Bundesligaskandal Anfang der 1970er, die vielzitierte „Schande von Gijón“ 1982 und das Aufkommen von Hooligans und Neonazis in den Stadien ließ das Zuschauerinteresse in den 1980ern weiter nach.

Dies änderte sich bereits in den 1990er Jahren: Andi Brehme bezwang Goycochea im Finale 1990 und Franz Beckenbauer erklärte den deutschen Fußball für unbesiegbar. Auch wenn Bierhoff sechs Jahre später das „Golden Goal“ gegen Tschechien erzielen sollte, die Entwicklung Deutschlands zu einer vollumfänglich fußballbegeisterten Nation noch ließ noch ein Jahrzehnt auf sich warten. Und bedurfte eines externen Triggers: im Jahr 2000, als die Nationalmannschaft sich mit peinlichem Rumpelfußball und deutlichen Niederlagen nach der Vorrunde verabschieden musste, wurde die Ausrichtung der WM 2006 an Deutschland vergeben. Es folgte das sogenannten „Sommermärchen“. Diese Bezeichnung für die Heim-WM beruht auf einer Dokumentation von Sönke Wortmann und trifft vielleicht auf das sonnige Wetter im Juni/ Juli 2006 zu, aus sportlicher Perspektive ist sie irreführend. Deutschland wurde keineswegs Weltmeister, sondern schied im Halbfinale nach Verlängerung unglücklich aber nicht unverdient aus und verpasste das Endspiel in Berlin. Ein passendes Äquivalent dazu ist in der Märchenwelt schwer zu finden: in kaum einer Geschichte lässt der Prinz die Braut zwei Minuten vor der Hochzeit für seine italienische Schwiegermutter stehen. Doch die damals ausgelöste Massenbegeisterung ließ sich nicht stoppen – erst recht nicht von realen sportlichen Resultaten. Frei nach der Erkenntnis, dass das Bewusstsein das Sein bestimmt und was nicht sein darf auch nicht sein kann, wurde die Niederlage sozial ignoriert und das unbedeutende Spiel um Platz drei in ein zweites Finale umgedichtet.

Heute, 2014, ist die Fußball-WM ein omnipräsentes Ereignis. Kein Werbeprospekt, ob für Blumen, Lebensmittel oder Matratzen, kommt ohne die Nationalfarben und WM-spezifische Produktinnovationen aus. Die Titelseiten der Zeitungen sind für Fußball reserviert, TV Sender berichten rund um die Uhr aus Brasilien. Ökonomisch betrachtet ist für die letzte Dekade ein Anstieg der Nachfrage nach dem Gut Fußballspiele bei Welt- und Europameisterschaften festzustellen. Die Gründe für solche Steigerungen liegen meistens in einer qualitativen Effizienzsteigerung: die relevanten Produkte haben sich verändert und entsprechen nun in stärkerem Maße den Präferenzen der Konsumenten. Diese erzielen aus dem Konsum einen höheren Nutzen und sind daher bereit mehr zu bezahlen. Viele Nachfrager, die vorher noch keine ausreichende Zahlungsbereitschaft hatten – bei Fußballspielen z.B. in Form der Opportunitätskosten für entgangene Freizeit – , wollen das Gut nun auch konsumieren.

Auf Deutschland bezogen gilt dies ohne Zweifel für die deutsche Nationalmannschaft. Seit es nicht mehr „ramelowt und wörnst“ (Christof Kneer in der SZ vom 04.09.2006) ist das deutsche Spiel schneller, genauer und technisch versierter geworden. Die Qualität hat sich stark verbessert. Zudem präsentieren sich die Protagonisten sympathischer und agieren cleverer im medialen Umfeld als früher, als z.B. ein Harald Schumacher bei der WM 1982 dem Franzosen Patrick Battiston nach einem brutalen Foulspiel großzügig die Jacketkronen bezahlen wollte. Spieler wie Götze, Kehdira oder Özil sind hingegen die wahrscheinlich populärsten und beliebtesten deutschen Stars überhaupt.

Auch das Rahmenprogramm entspricht heute mehr den Konsumentenpräferenzen. Es ist stark davon auszugehen dass sich WM-Songs von Shakira als signifikant zugkräftiger auf die Nachfrage der relevanten Zielgruppe auswirken, als die Lieder von Udo Jürgens („Buenos días, Argentina“, 1978), Michael Schanze („Olé España“, 1982) oder Peter Alexander („Mexiko, mi amor“, 1986). Dazu kommen grundlegende Einflüsse aus der Bundesliga: Der Stadionbesuch ist heute ein komfortables Familienevent. In den vollständig überdachten als auch videoüberwachten Arenen mit breitgefächertem Catering-Angebot und hohen Sicherheitsauflagen fühlt sich auch der durchschnittliche Bildungsbürger wohl.

Eine ökonomische Besonderheit ist, dass die Menge des betrachteten Gutes (Turnierspiele der deutschen Mannschaft) begrenzt ist und sich nicht erweitern lässt: das Angebot ist unelastisch. Daher kann auf einen Anstieg der Nachfrage nicht, wie sonst auf Märkten üblich, mit einem Anstieg der produzierten Menge reagiert werden. Dies würde etwa in der Form passieren, dass neue Unternehmen in den Markt eintreten und zusätzliche Produkte anbieten. Dass ein Konkurrenzverband zur FIFA gegründet und eine alternative WM veranstaltet wird, ist sehr unwahrscheinlich. Dass sich durch die Nachfragesteigerung das Einnahmepotential erhöht hat, ist den Fußballverbänden aber nicht verborgen geblieben: auf Initiative des UEFA-Präsidenten Michel Platini (1982 ein Teamkollege des unglücklichen Battiston) wird die Europameisterschaft künftig mit 24 statt 16 Mannschaften ausgetragen und zwischen den Turnieren soll eine EURO-League der Nationalmannschaften ausgespielt werden.

Eindeutiges Indiz für eine gestiegene Nachfrage sind die TV-Einschaltquoten. Die beiden ersten Plätze in der deutschen Rangliste belegen das Halbfinale der WM 2010 (Deutschland gegen Spanien) mit 31,1 Millionen und das Halbfinale bei der WM 2006 mit 29,7 Millionen Zuschauer (ohne Zuschauer in Kneipen und bei Public Viewing). Ein noch offensichtlicherer Indikator für eine gestiegene Begeisterung ist das Phänomen Public Viewing: die öffentliche Übertragung von WM-Spielen. Auch 2014 strömen die Menschen bereits in der Vorrunde zu den Public Viewing-Plätzen und passend zur Mutti im Kanzleramt, gibt es in Berlin sogar ein bundesdeutsches Fußball-Wohnzimmer.

Die Lust an diesen Massenevents lässt sich aus ökonomischer Perspektive damit erklären, dass Spiele der deutschen Nationalmannschaft ein positionales Gut darstellen. Dies bedeutet, dass die Nachfrage nicht nur von der objektiven Produktqualität und Attraktivität abhängt, sondern vor allem vom Rang des Gutes in einer sozialen Hierarchie. Je höher es hier positioniert ist, desto stärker ist die Anziehungskraft und Faszination, die davon ausgeht. Bei der Betrachtung gesellschaftlicher Großereignisse wird wohl keine Veranstaltung die Attraktivität deutscher Spiele bei einer WM überbieten. Sie nehmen den Spitzenplatz ein – noch vor dem Tatort am Sonntag oder „Wetten Dass?“ in der Prä-Markus-Lanz-Zeit (Zu Fußball als positionalem Gut)

Die hohe Attraktivität der Teilnahme am Public Viewing liegt an der medialen Berichterstattung und sozialen Aufmerksamkeit. Es wird viel berichtet und geredet, die Bilder von den schwarz-rot-goldenen Fanmassen vor den großen Leinwänden erscheinen überall. So wird die Teilnahme relevant für das eigene soziale Kapital: da es gesellschaftlich angesagt ist dort zu sein, wird die eigene Reputation vor Kollegen und Freunden durch einen Besuch aufgewertet. Ein „Selfie“ von der Fanmeile, per Klick in die sozialen Netzwerke verschickt, drückt aus, dass man direkt am Puls der Zeit ist, am angesagten Ort, direkt bei der Mannschaft, eigentlich noch besser und gefühlt noch näher dran als tatsächlich im Stadion zu sein.

Zudem treten bei den Veranstaltungen direkte Netzeffekte auf. Netzeffekte führen dazu, der Nutzen aus dem Konsum eines Gutes umso höher ist, je mehr Personen es nachfragen. Das klassische Beispiel sind Telekommunikationsnetze: umso mehr Menschen ein Telefon besitzen, umso mehr kann der einzelne Nutzer anrufen und umso höher ist folglich der Nutzen jedes Telefonkunden. Beim Public Viewing erhöht sich mit steigender Anzahl an Teilnehmern erstens die soziale und mediale Bedeutung. Zweitens wird die Stimmung besser, je mehr Menschen zusammen singen, flirten, jubeln und trinken.

Letztendlich ist die Fußballweltmeisterschaft im absoluten Mainstream angekommen. Wie andere Güter auch, z.B. Rockfestivals oder Rucksackreisen durch Asien, ist sie für immer größere Teile der Bevölkerung so interessant geworden, dass sie eine Zahlungsbereitschaft dafür entwickeln. Sie ziehen Nutzen daraus, Zeit aufzuwenden um Spiele zu sehen, zum Public Viewing zu gehen und sich mit Fanutensilien auszustatten. Und diese Entwicklung geht weiter: die 2006 in Mode gekommenen Fahnen an Autos reichen 2014 nicht mehr aus. Jetzt werden die Außenspiegel der Karossen mit „schwarz rot geilen“ Kondome verhüllt und Menschen pilgern in ebensolchen hautengen Ganzkörperanzügen zu den Übertragungen.

Popularitätsschübe verändern häufig den Charakter von Dienstleistungen und Gütern. Z.B. verstärkt eine gesteigerte Nachfrage oft kommerzielle Interessen. Der daraus folgende Drang zu mehr ökonomischer Effizienz steht meistens in einem Spannungsfeld zur Vielfalt. Als Bespiel dienen deutsche Innenstädte. Die Geschäfte dort arbeiten vielleicht kosteneffizienter als früher, dafür gleichen sich die Fußgängerzonen der Republik wie ein Ei dem anderen. Dinge verlieren so an Eigenständigkeit und Individualität. Die Unterschiede zwischen einer WM-Party, einem Kirmes-Besuch, einem Helene Fischer-Konzert oder dem Urlaub am Ballermann verwischen.

Es besteht der Verdacht, dass die nationale Uniformität und die entflammte Liebe zur Mannschaft für viele Beteiligte nur Vorwand für Kostümierung und Party sind; dass die Fußballbegeisterung einem Selbstzweck dient und nicht auf die Geschehnisse auf dem Rasen rekurriert. Dies war bereits 2006 zu erkennen: die Freude und Begeisterung über das Spiel um Platz 3 zeigte, dass viele neue Fans der Nationalelf nicht Weltpokal gewinnen mussten, um glücklich zu sein, sondern dass eine Vielzahl an Gleichgesinnten und Schlagermusik dazu voll und ganz ausgereicht haben. Weitere Indizien finden sich: Welche Motivation steckt hinter einem zweistündigen Autokorso nach einem gewonnenen Gruppenspiel – außer Spaß an einem Autokorso?

Insbesondere für Menschen, die eine lange emotionale Verbundenheit zur Nationalelf fühlen und z.B. für Freundschaftsspiele gegen San Marino ehrliche Begeisterung zeigen, ist diese Entwicklung schwer zu akzeptieren. Die Gefühle solcher „wahren“ Fans im Angesicht des Massenphänomens WM hat einfühlsam und treffend Moritz Rinke in der SZ beschrieben. Gegenüber den „Schland!“ rufenden, fahnenumhüllten Massen entstehen Reaktanz- und Dissonanzgefühle. Kurzzeitig wünscht mancher Fan seinem geliebten Team sogar trotzig das Ausscheiden. Die wahre Liebe zu Sport und Mannschaft ist eben störanfälliger als eine sozial entfachte Leidenschaft.

 

 

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