Screening-Methoden – Wie Kartelle systematisch aufgedeckt werden können

Kartelle finden sich in allen Wirtschaftsbereichen. Sie verursachen hohe Schäden und belasten die Konsumenten. Bisher stützen Wettbewerbsbehörden ihre Ermittlungen vorwiegend auf Kronzeugenprogramme. Die Behörde verhält sich dabei passiv und verlässt sich auf Unternehmen, die ein Kartell anzeigen um als Kronzeuge straffrei zu bleiben. Viele der durch die Kronzeugenregelung aufgedeckten Kartelle haben bis dahin schon über einen langen Zeitraum erfolgreich überhöhte Preise festgelegt. Märkte sollten deshalb generell auf einen Kartellverdacht hin überprüft werden. Screening-Methoden, die empirische Analysen nutzen um Kartelle systematisch aufzuspüren, scheinen ein effizientes Instrument zu sein. Im Gegensatz zu Kronzeugenprogrammen, die dazu neigen instabile Kartelle aufzudecken, können diese pro-aktiven Methoden kollusives Verhalten frühzeitig identifizieren und den volkswirtschaftlichen Schaden minimieren. Solange eine Kartellabsprache stabil und profitabel ist, haben die Beteiligten keinen Anreiz als Kronzeuge aufzutreten. Das kollusive Verhalten wird sich aber genau dann in den Marktdaten wiederspiegeln. Dort setzt ein Screening an und ist in der Lage die kollusiven Verhaltensmuster von funktionsfähigem Wettbewerb zu unterscheiden.

Vor allem für Wettbewerbsbehörden bietet sich ein zweistufiger Screening-Ansatz an. Im ersten Schritt werden Märkte identifiziert, die eine hohe Kartellierungswahrscheinlichkeit aufweisen. Bei diesem Structural Screening werden die Märkte nach Faktoren untersucht, die eine Kartellbildung erleichtern. Neben allgemeinen Marktcharakteristika –wie Markteintrittsbarrieren und Marktkonzentration- werden auch Faktoren der Nachfrage- und der Angebotsseite (wie bspw. die Elastizität der Nachfrage und die Produktdifferenzierung) betrachtet. Die daraus resultierenden, gefährdeten Märkte können dann einer gründlichen Analyse unterzogen werden (Behavioral Screening). Bei der eingehenden Untersuchung der Preise und Mengen gibt es einige Indikatoren (auch Marker genannt), die auf kollusives Verhalten hinweisen. Beispielsweise neigen Kartelle zu Preiserhöhungen -vor allem während der Anfangsphase einer Absprache- um den gemeinsamen Gewinn zu steigern. Daneben weisen aber auch stabile Marktanteile über die Zeit auf ein Kartell hin. Ein weiterer wichtiger Marker ist die geringere Preisvarianz. Kartelle tendieren dazu, Preise über einen längeren Zeitraum konstant zu halten, da häufige Preisänderungen ein Kartell destabilisieren können. Darüber hinaus werden exogene Schocks in der Nachfrage oder den Kosten nicht so schnell an die Preise weitergegeben, da ein Kartell die neuen Preise zunächst abstimmen muss. Eine einseitige Preisänderung eines Kartellmitglieds könnte ansonsten als Abweichen missverstanden werden. Unternehmen, die an einer Kollusion beteiligt sind, reagieren also durchaus auf exogene Schocks, allerdings ist die Reaktionszeit -bedingt durch die Absprache untereinander- verzögert. Screens zur Preisvarianz finden auch schon Anwendung bei einigen Wettbewerbsbehörden. Die Federal Trade Commission untersuchte beispielsweise den Tankstellenmarkt, konnte dort aber kein wettbewerbswidriges Verhalten feststellen.

Selbstverständlich kann auch ein wettbewerblicher Markt eine geringe Preisvarianz aufweisen, wenn Kosten- und Nachfrageschwankungen selten sind, spiegelt sich das in der Preisvarianz wieder. Deshalb ist eine fundierte Kenntnis des zu untersuchenden Marktes Voraussetzung für eine effiziente Anwendung eines Marktscreenings. Durch ein vorangegangenes strukturelles Screening können falsche Schlussfolgerungen vermieden werden. Zusätzlich kann das strukturelle Screening bei der Auswahl der Marker helfen, die im Rahmen des Behavioral Screenings untersucht werden sollten. Mit einer kontinuierlichen Analyse des Wettbewerbsverhaltens kann eine Veränderung im Preissetzungsverhalten der Unternehmen schnell identifiziert werden. Unter Berücksichtigung anderer exogener Einflüsse auf die Wettbewerbsparameter kann ein solcher Screening-Ansatz ausreichende Hinweise auf kollusives Verhalten geben. Ein effizienter Screen sollte außerdem ein System von Kartellmarkern umfassen, da dies zur Aussagekraft beiträgt.

Screening-Methoden können aber nicht nur von Wettbewerbsbehörden angewendet werden. Auch Unternehmen haben mitunter großes Interesse daran. Durch wettbewerbswidrige Absprachen unter ihren Lieferanten haben Unternehmen überhöhte Inputkosten zu tragen. Diese können durch ein Screening der Beschaffungsmärkte vermieden werden. Da den Firmen detaillierte Transaktionsdaten zu den Lieferanten vorliegen und sie darüber hinaus fundierte Kenntnisse über die jeweilige Branche haben, sind sie prädestiniert für die Anwendung eines systematischen Screens, der gezielt nach Angebotsmanipulation und Preisabsprachen sucht. Die Deutsche Bahn implementierte beispielsweise ein Kartellschadenspräventionssystem nachdem das Unternehmen häufig Leidtragender illegaler Absprachen unter seinen Lieferanten war (u.a. das Schienen-Kartell oder das Kaffee-Kartell). Die Beschaffungsmärkte werden in Risikogruppen eingestuft, für die jeweils spezifische Maßnahmen entwickelt wurden, um kollusives Verhalten zu unterbinden.

Insgesamt bleibt also festzuhalten, dass sich die Wettbewerbsbehörden bei der Aufdeckung von Kartellen keinesfalls allein auf ihre Kronzeugenregelungen stützen sollten. Ergänzend zu den passiven Methoden sollte die aktive und systematische Untersuchung von Märkten nach kollusivem Verhalten nicht vernachlässigt werden, da diese dazu geeignet ist bisher unentdeckte Kartelle aufzuspüren. Ein automatisierter, ständiger Screen von Märkten kann Kartelle frühestmöglich identifizieren. Dies kann den volkswirtschaftlichen Schaden bedeutend minimieren. Zusätzlich können die Ergebnisse eines solchen Screenings zur Bestimmung des Kartellschadens herangezogen werden und so bei der Ermittlung der Strafhöhe verwendet werden. Aber nicht nur für Wettbewerbsbehörden wird die pro-aktive Kartellpolitik immer mehr an Bedeutung gewinnen. Auch große Konzerne werden in Zukunft über Screening-Programme als Warnsystem für ihre Beschaffungsmärkte nachdenken müssen.

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