Sind Daten das neue Öl?

Immer wieder liest oder hört man in letzter Zeit den Ausdruck, Daten seien „das neue Öl der digitalen Ökonomie.“ Und so verlockend diese Analogie auch sein mag, so irreführend und falsch ist sie. Zwar sind Daten im Allgemeinen und Big Data im Speziellen wichtige Inputfaktoren für viele Geschäftsmodelle im Netz – sie stellen also eine Art Rohstoff für digitale Angebote dar. Jedoch weisen sie auch einige Eigenschaften auf, die dem Öl nicht zuzuschreiben sind.

Die meisten Online-Angebote, seien es Suchmaschinen, Soziale Netzwerke oder Nachrichten, sind für den Nutzer kostenlos. Kostenlos insofern, dass die (in der Regel zweiseitigen) Plattformen kein Geld für ihre Dienste und Inhalte verlangen. Dennoch zahlen die Nutzer mit ihrer Aufmerksamkeit für Werbung oder aber mit ihren Daten. Wer eine Suchmaschine nutzt, hinterlässt mindestens Informationen über sein Suchverhalten; wer online Käufe tätigt, offenbart sein Konsumverhalten und seine Zahlungsbereitschaft. Daten fungieren also als eine Art Währung im Netz. Eine Eigenschaft, die man dem Öl typischerweise nicht zuordnet.

Öl hat außerdem die Eigenschaft, dass es bei der Nutzung verbraucht wird, d.h. dass jeder Liter nur einmal verwendet werden kann. Daten sind dagegen beliebig oft verwertbar. So können etwa persönliche Informationen für verschiedene Werbekampagnen genutzt werden und Daten über den Wohnort einer Person verbrauchen sich ebenfalls nicht nach einer Nutzung. Daten sind also (bis auf einige Ausnahmen) nicht-rival im Konsum, da sie mehrfach – und auch gleichzeitig – genutzt werden können.

Daten sind weiterhin in aller Regel ausschließbar, es können also andere an der Nutzung gehindert werden. Aufgrund der Ausschließbarkeit und der Nicht-Rivalität, lassen sich Daten als ein sogenanntes Clubgut bezeichnen. Sie unterscheiden sich damit von einem öffentlichen Gut (bei dem neben Nicht-Rivalität auch Nicht-Ausschließbarkeit vorliegt). Zwar können Daten diese Eigenschaften unter Umständen auch erlangen, wenn sie zum Beispiel einmal veröffentlicht wurden und damit ein Ausschluss nicht mehr möglich ist; solange sie jedoch nicht jedem frei zugänglich sind, unterscheiden sie sich sowohl von öffentlichen als auch von reinen privaten Gütern.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zum Öl liegt in der Heterogenität der Daten. Informationen über den Standort einer Person können typischerweise nicht mit Daten über das Einkommen dieser Person substituiert werden. Informationen über das Konsumverhalten sind nur teilweise durch Informationen über das Suchverhalten ersetzbar. Es existiert daher auch nicht ein einziger Markt für Daten, sondern je nach deren Verwendungszweck und Informationsgehalt, gibt es verschiedene Märkte. Allerdings sind Informationen oftmals komplementär, ergänzen sich daher nicht selten. Das Zusammenführen von Datenbanken kann also durchaus sinnvoll sein.

Ebenso ist der Informationswert von Daten oftmals zeitlich begrenzt. Der Werbekunde interessiert sich mehr für das aktuelle Kaufverhalten als für das weit zurückliegende. Die Stauvorhersage funktioniert zuverlässig nur mit Echtzeitmessungen über den Standort von Fahrzeugen, nicht aber mit Informationen darüber, wo sich die Fahrzeuge vor einigen Stunden befunden haben. Zwar können auch historische Daten über Verkehrsflüsse, Konsumverhalten und anderes wiederum genutzt werden, um bestimmte Muster zu erkennen. Auch historische Daten können also durchaus einen Nutzten stiften. Dennoch ist die Halbwertszeit von Informationen oftmals gering. Auch große Datenmengen können so schon nach kürzester Zeit wieder wertlos sein.

Alles in allem können Daten also nicht als das neue Öl der digitalen Ökonomie bezeichnet werden. Die Bedeutung für die digitalen Geschäftsmodelle ist zwar sehr groß und in mancherlei Hinsicht sind Daten vielleicht sogar wichtiger als Öl. In anderen Fällen wird ihr Wert aber auch überschätzt. Vor allem spielen Daten aber eine ganz andere Rolle in der digitalen Ökonomie, als Öl in der analogen. Mindestens genauso wichtig, ist die Auswertung der Daten und die Fähigkeit, die gewonnenen Erkenntnisse auch entsprechend umzusetzen.

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Ralf Dewenter
Ralf Dewenter
Prof. Dr. Ralf Dewenter Helmut-Schmidt-Universität Universität Holstenhofweg 85 22043 Hamburg

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