Wettbewerbspolitik im Internet – da bewegt sich was

Das Bundeskartellamt hat vor Kurzem ein Arbeitspapier „Marktmacht von Plattformen und Netzwerken” des hausinternen „Think Tanks Internet“ veröffentlich. Darin widmet sich das Amt der Feststellung vorhandener Erkenntnisse in Wissenschaft und Praxis zur sogenannten Plattform-Ökonomie im Internet und stellt gleichzeitig Herausforderungen heraus, die sich hieraus für die Wettbewerbspolitik ergeben. Mit Plattform-Märkten sind Marktstrukturen gemeint, bei denen zwei oder mehr Nutzergruppen durch einen Intermediär verbunden sind, welcher wiederum die zwischen den Nutzergruppen bestehenden indirekten Netzeffekte nutzt – also mehrseitiger Märkte.

Als Beispiel sei hier Ebay-Kleinanzeigen genannt: Auf der virtuellen Plattform – also der Internetseite von Ebay Kleinanzeigen – treffen sich Käufer und Verkäufer und wickeln ihr Geschäft über die Plattform ab. Aber auch Werbetreibende sind auf dieser Plattform aktiv und interagieren so mit den anderen Kundengruppen.

Doch warum befasst sich das Bundeskartellamt mit Plattform-Märkten und Netzwerken im Internet? Die Aufgabe des Bundeskartellamts,der Schutz des Wettbewerbs, fußt auf den drei Säulen Fusionskontrolle, Kartellverbot und Missbrauchsaufsicht. Ausgangspunkt vieler wettbewerbspolitischen Fragestellung ist die Definition des relevanten Marktes, die es erlaubt Aussagen über die herrschenden Wettbewerbskräfte zu treffen und potenzielle Marktmacht aufzudecken. Diese Marktabgrenzung erfolgt meist über das Substitutionsprinzip, also die Frage, welche Produkte aus Verbrauchersicht miteinander substituierbar sind. Die dem Bundeskartellamt dafür zur Verfügung stehenden analytischen Instrumente (z.B. der SSNIP Test) beziehen sich auf die Analyse von herkömmlichen einseitigen Märkten. Die besonderen Eigenschaften von mehrseitigen Märkten müssen bei der Analyse aber mit einbezogen werden.

Zwischen den drei Kundengruppen von Ebay Kleinanzeigen (Verkäufer, Käufer und Werbetreibende) bestehen verschiedene indirekte Netzeffekte – sie beeinflussen ihre Nachfrage gegenseitig. Werbetreibende und Verkäufer z.B. haben einen großen Nutzen davon, dass viele potenzielle Käufer die Plattform nutzen, somit steigt ihre Zahlungsbereitschaft theoretisch mit jedem weiteren Käufer. Die Käufer wiederum ziehen einen Vorteil aus einer großen Gruppe von Verkäufern, stören sich aber ggf. an den Werbetreibenden. Die Stärke (positiv sowie negativ) dieser indirekten Netzeffekte hat wiederum einen Einfluss auf das strategische Verhalten der Plattform – also in diesem Beispiel Ebay Kleinanzeigen. Dieses strategische Verhalten kann sich maßgeblich von dem in herkömmlichen einseitigen Märkten unterscheiden. Die Festlegung des optimalen Preises beispielsweise: Plattformen werden von der Marktseite einen höheren Preis verlangen, auf der der Nutzen der Nachfrager höher ist. Das bedeutet in unserem Beispiel, dass Werbetreibende und Verkäufer einen höheren Preis zahlen müssen, als sie es ohne indirekte Netzeffekte tun müssten (weil ihr Nutzen durch den positiven indirekten Netzeffekt von der Käuferseite wächst). Käufer wiederum zahlen meist keinen (oder einen sehr geringen) monetären Preis für die Dienstleistung der Plattform. Würde man die Marktseiten nun einzeln betrachten, könnte man schlussfolgern, dass der Preis auf der Verkäufer- oder Werbeseite über den Grenzkosten liegt und somit nicht dem optimalen Wettbewerbspreis entspricht. Gleichzeitig könnte der Preis auf Käuferseite auf ruinösen Preiswettbewerb hindeuten und ebenfalls als wettbewerbsschädlich interpretiert werden. Betrachtet man die Preise aber im Zusammenhang des Plattform-Marktes, geben diese eher die Relation der indirekten Netzeffekte wider und nicht unbedingt ein wettbewerbsschädliches Verhalten.

Betrachtet man die Marktseiten also isoliert und blendet so die Existenz der indirekten Netzeffekte zwischen allen Marktseiten aus, definiert man den relevanten Markt sehr wahrscheinlich zu eng oder zu weit, sodass die Einschätzung der herrschenden Wettbewerbskräfte fehlerhaft wäre.

Eine Besonderheit von Plattform-Märkten ist also, dass sowohl Konsumenten also auch Plattformen von der Plattformgröße profitieren. Ist diese Effekt stark genug, können die Nachteile einer hohen Konzentration möglicherweise ausgeglichen werden. Große Plattformen (Facebook, Amazon, Google) bedeuten also nicht unbedingt einen Nachteil für den Verbraucher. Dennoch ist nicht abstreitbar, dass große Unternehmen ihre Marktmacht ausnutzen könnten und somit zumindest einer Marktseite schaden. Es muss also abgewogen werden, ob der Netzeffekt oder der Wettbewerbseffekt überwiegt.

Mit dem Arbeitspapier des Bundeskartellamts erkennen die Wettbewerbshüter diese und weitere Besonderheiten von Plattform-Märkten und Netzwerken im Internet an und treiben die Diskussion über ihre wettbewerbspolitische Analyse erfreulicherweise voran. Jetzt ist die Fachwelt gefragt die formulierten Herausforderungen anzugehen und nutzbare Instrumente für die wettbewerbspolitische Praxis zu entwickeln, die die adäquate Analyse mehrseitiger Märkte erlaubt.

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Franziska Löw
Franziska Löw
Wissenschaftliche Mitarbeitern am Lehrstuhl für Industrieökonomik, Helmut Schmidt Universität Hamburg.

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