Wie einheitlich ist die Medienberichterstattung?

Die Diskussion um die (vor allem politische) Berichterstattung in den Medien wird nach wie vor sehr intensiv geführt. Das Spektrum der Wahrnehmung über den Wahrheitsgehalt der transportierten Informationen reicht dabei von einer gesunden Skepsis bis hin zu den wildesten Verschwörungstheorien. Ein insbesondere in der Flüchtlingskrise oft genanntes Argument ist dabei, dass Medien zu einseitig berichten und keine wirklich unterschiedlichen Positionen vertreten.

Um der Frage nachzugehen, wie es um die politische Berichterstattung in den deutschen Medien bestellt ist, haben wir über 10 Millionen Berichte aus TV-Medien, Nachrichtenmagazinen, Zeitschriften und Zeitungen aus den Jahren 1998 bis 2012 ausgewertet. Die Analyse ist Teil einer größer angelegten Studie zur Bestimmung der Besonderheiten und Auswirkungen der Berichterstattung in traditionellen aber auch neuen Medien wie z.B. den sozialen Netzwerken. Die Positionierung der Medien im politische Spektrum ist dabei eines von mehreren Projekten (siehe z.B hierhier oder hier).

 

Welche Daten wurden ausgewertet?

Um die Positionen der Medien im politischen Spektrum zu analysieren, wurden Daten der Firma Mediatenor ausgewertet. Das Schweizer Unternehmen analysiert die Berichte der verschiedensten internationalen Medien bezüglich ihres Inhalts. Es werden dabei die Themen, Protagonisten und Autoren der Berichte festgehalten und ebenso, ob die besprochenen Personen oder Institutionen dabei eher positiv oder negativ besprochen werden. Berichtet zum Beispiel die FAZ über den Auftritt von Frau Merkel auf dem CDU-Parteitag, so dies von Mediatenor festgehalten. Ebenso wird die sogenannte Tonalität gemessen, es wird also untersucht, ob Frau Merkel aber auch die CDU dabei positiv (+1), negativ (-1) oder neutral (0) besprochen werden. Im Gegensatz zu anderen Ansätzen, bei denen Text, Video und Audio mit Hilfe von computergestützten Techniken ausgewertet werden, führt das Unternehmen diese Analyse noch durch geschulte Analysten durch. So werden sowohl das Thema als auch die Tonalität durch manuelle Audits zugewiesen – die Verwendung von Artificial Intelligence ist in diesem Fall also noch kein Thema.

 

Sind sich die Medien tatsächlich zu ähnlich?

TV-Nachrichten

Sieht man sich die Berichterstattung über den gesamten Zeitraum (1998 – 2012) auf aggregierter Ebene an, zeigen sich bereits hier klare Unterschiede in der politischen Positionierung der Medien. Abbildung 1 enthält die durchschnittliche Tonalität der TV-Medien bezüglich der Parteien (CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke und FDP). Analysiert wurden zunächst die Nachrichtensendungen Tagesschau, heute, Tagesthemen, heute journal, RTL aktuell, Sat.1 Nachrichten und ProSieben Newstime. Es zeigt sich dabei ein durchaus unterschiedliches Bild bezüglich der Tonalität gegenüber den einzelnen Parteien, jedoch sind die ermittelten Werte allesamt negativ. Die Berichte scheinen im Mittel also eher negativ zu sein oder zumindest negativ besetzte Themen zu behandeln. Je näher der ermittelte Wert bei null liegt, desto positiver ist also die Berichterstattung gegenüber der entsprechenden Partei.

Abbildung 1

1 Kopie 300x175 Wie einheitlich ist die Medienberichterstattung? Unbenannt 2 300x183 Wie einheitlich ist die Medienberichterstattung?

Die erste Grafik Abbildung 1 zeigt die Bewertung der Nachrichtensendungen, bei denen eine Zweiteilung zu erkennen ist. Während die Berichte der Privaten eher höhere Werte für CDU/CSU  sowie die FDP ausweisen, tendieren die Berichte der Öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender eher zu SPD, den Grünen und Linke – wenn auch in unterschiedlicher Stärke.

Die einzelnen Werte liegen dabei scheinbar auffallend nah beieinander, variiert doch das gewählte Maß bei ausschließlich positiver bzw. ausschließlich negativer Berichterstattung zwischen 1 und -1. Allerdings ist eine solche Spanne bei einer Aggregation über den gewählten Zeitraum kaum zu erwarten. Auch kleine Abweichungen können hier schon deutliche Unterschiede kennzeichnen. Erfreulich ist jedoch, dass die Abweichungen von null nicht zu groß sind, es also scheinbar keine zu starke Verzerrung in Richtung einer sehr stark positiven oder negativen Berichterstattung gibt.

Allerdings muss man bei dieser Abbildung bedenken, dass die Werte ungewichtet, also unabhängig von der Anzahl der Berichte, sind. Tatsächlich kann aber schon eine gewisse Tendenz in der Berichterstattung Einzug erhalten, indem sehr viel oder eben sehr wenig über eine bestimmte Partei berichtet wird. Aus diesem Grund haben wir die durchschnittliche Tonalität für die mit der relativen Anzahl der Berichte an der gesamten Berichterstattung gewichtet (zweiter Teil von Abbildung 1). Aufgrund der relativ gesehen geringen Zahl an Berichten zu FDP, Grünen und Linke, fallen die entsprechenden Werte nun sehr gering aus – die Werte liegen allesamt nahe null, was einer neutralen Berichterstattung entspricht (sei es durch eine neutrale Bewertung oder durch geringe Aufmerksamkeit).

Anders sieht dies bei CDU/CSU auf der einen und der SPD auf der anderen Seite aus. Hier variiert die Tonalität deutlich stärker. Insgesamt bestätigt sich jedoch eine gewisse Nähe der Öffentlich-rechtlichen und RTL aktuell zur SPD und eine gewisse Präferenz von ProSieben und Sat.1 zur Union. Große Unterschiede lassen hierbei jedoch nicht ausmachen, lediglich heute und RTL aktuell tendieren etwas mehr zur Union als die anderen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen.

 

TV-Politsendungen

Ein erster Blick auf die Nachrichtensendungen hat zwar den Eindruck hinterlassen, dass es durchaus eine gewisse Differenzierung der Sender im politischen Spektrum gibt, diese jedoch nicht gerade von den Öffentlich-rechtlichen getragen wird. Vielmehr sind es die Privaten, die hier einen gewissen Ausgleich zu der relativ homogenen Ausrichtung der Öffentlich-rechtlichen schaffen. Es drängt sich daher zwar die Vermutung auf, dass die Öffentlich-rechtlichen eher einseitig berichten und zu wenig Variation bieten. Jedoch könnte zum einen der hohe Aggregationsgrad der Daten hier eine Rolle spielen (aggregiert wird über 15 Jahre, also auch mehrere unterschiedliche Koalitionen hinweg) und zum anderen müssen auch andere Formate der Sender betrachtet werden, um ein vollständigeres Bild zu erhalten.

Abbildung 2 enthält daher die durchschnittliche Tonalität öffentlich-rechtlicher Politmagazine. Während die erste Grafik wiederum die ungewichteten Werte enthält, bildet die zweite Grafik die gewichtete Tonalität ab. Auf den ersten Blick auf die ungewichtete Tonalität, erscheint auch die Ausrichtung der Magazine relativ homogen. Die hohe Zahl der Sendungen macht eine grafische Analyse jedoch schwierig.

Betrachtet man dagegen die mit der relativen Zahl der Berichte gewichteten Tonalitäten, fällt die doch starke Spreizung der politischen Ausrichtung der einzelnen Sendungen bezüglich Union und SPD ins Auge. Ebenso ist die Tonalität gegenüber der FDP hier unterschiedlicher als bei den Nachrichtensendungen. Auch die Differenz in der Tonalität zwischen den Medien ist hier größer. Eine relativ positive Bewertung der Union geht in der Regel mit einer negativeren Bewertung der SPD einher und umgekehrt. Lediglich Bericht aus Berlin und Berlin direkt zeigen bei der grafischen Analyse kaum Unterschiede bei der Bewertung der Parteien und sind daher als relativ neutral einzustufen.

Insgesamt zeigt sich, dass im Gegensatz zu den Nachrichtensendungen durchaus eine gewisse Binnenpluralität im politischen Spektrum vorhanden ist. Diese Pluralität bezieht sich jedoch sehr stark auf die beiden „großen“ Parteien, die Union und die SPD. Eine genauere Analyse der Veränderungen der Tonalität über die Zeit, kann hier weitere Hinweise geben. Interessant wäre ebenso ein Vergleich mit anderen Ländern, um einschätzen zu können, wie stark die deutschen Medien im internationalen Vergleich in der Berichterstattung variieren.

Abbildung 2

Unbenannt 3 300x200 Wie einheitlich ist die Medienberichterstattung? Unbenannt 4 300x200 Wie einheitlich ist die Medienberichterstattung?

 

 

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Ralf Dewenter
Ralf Dewenter
Prof. Dr. Ralf Dewenter Helmut-Schmidt-Universität Universität Holstenhofweg 85 22043 Hamburg

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