Die WM der Defensivkünstler?

Jetzt, da nur noch zwei Spiele zu spielen sind, kann man durchaus schon mal ein vorläufiges Fazit zur Fußballweltmeisterschaft in Russland ziehen: Mit Frankreich und Kroatien stehen zwei europäische Mannschaften im Finale und auch ins Halbfinale hat es keine südamerikanische oder asiatische Mannschaft geschafft. Deutschland ist bereits in der Gruppenphase (wohl zurecht) ausgeschieden und Mannschaften wie Argentinien, Portugal und Spanien haben es gerade mal so ins Achtelfinale, Brasilien immerhin ins Viertelfinale geschafft. Der Gastgeber Russland ist dagegen erst im Viertelfinale knapp gegen Kroatien im Elfmeterschießen ausgeschieden.

Auffällig ist jedoch nicht nur, wer sich jeweils für die Endrunden qualifiziert hat, sondern vor allem wie dies geschehen ist. Beim Auftaktspiel, dem 5:0 von Russland gegen Saudi-Arabien, lag das Ballbesitzverhältnis bei 38% zu 62% – wohlgemerkt für Saudi-Arabien! Beim Unentschieden (1:1) Argentinien gegen Island, hatte Island einen Ballbesitz von 22% und im Achtelfinale rettete Russland das Unentschieden mit 22% Spielanteilen in die Nachspielzeit, bevor es dann im Elfmeterschießen gegen Spanien sogar gewann. Beim Halbfinalsieg von Frankreich gegen Belgien, kamen die Franzosen gerade mal auf einen Ballbesitz von 36% und auch in den anderen Spielen glänzte die Mannschaft um Mbappé, Griezmann und Giroud   nicht immer durch Angriffsfußball.

Betrachtet man also die Statistiken vereinzelter Spiele, so entsteht der Eindruck, dass vor allem die defensiven Mannschaften erfolgreich bei der Weltmeisterschaft waren. Doch lässt sich dieser Trend auch allgemein über alle Spiele feststellen? Um das zu untersuchen, haben wir alle bisherigen 62 Spiele analysiert. Wir haben dazu die Frage untersucht, wie die Wahrscheinlichkeit eines Sieges einer Mannschaft von deren Anteil am Ballbesitz beeinflusst wird. Als Kontrollvariablen wurden der Platz der FIFA-Rangliste beider Mannschaften sowie Dummies für die jeweilige Runde (Gruppenphase, Achtenfinale, …) und den Kontinent von dem die jeweiligen Mannschaften stammen verwendet.

Das wichtigste Ergebnis unserer Analyse ist dabei der durchschnittliche marginale Effekt der Variable „Ballbesitz“, der bei -0.0083 liegt. Dieser gibt an, wie sich die Gewinnwahrscheinlichkeit ändert, wenn sich der Ballbesitz um eine Einheit ändert. Mit jedem Prozentpunkt an Ballbesitz, sinkt die Gewinnwahrscheinlichkeit in diesem Fall im Mittel um 0.83 Prozentpunkte.

Auch wenn dieser Wert nur einen Mittelwert über die Mannschaften darstellt und daher nicht überbewertet werden darf, ist relativ deutlich zu sehen, dass Ballbesitz bei der WM keinen Erfolgsfaktor darstellt. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen größer ist, wenn eine Mannschaft deutlich defensiv spielt, auf Pressing und Konter setzt und dem Gegner somit das Spiel (und den Ballbesitz) überlässt. Wenn man sich die bisherigen Spielanteile von Frankreich (55, 43, 68, 39, 62 und 36%) und Kroatien (55, 42, 62, 54, 65 und 56%) anschaut, sind die Werte zumindest in der Gruppenphase relativ ähnlich. Danach sind dann die Ballbesitzanteile der Franzosen geringer. Frankreich setzt trotz seiner Offensivstärke also vermehrt auf die Defensive.

Was lernen wir daraus: Erfolgreicher Fußball ist nicht immer schön anzusehen und der nächste Weltmeister heißt wohl sehr wahrscheinlich Frankreich.

 

 

 

 

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Ralf Dewenter
Ralf Dewenter
Prof. Dr. Ralf Dewenter Helmut-Schmidt-Universität Universität Holstenhofweg 85 22043 Hamburg

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